Nettelroth,Erik (1026) – Toebs,Robin (857)
BJEM U12 Berlin, 19.11.2005



1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d4 exd4 6.cxd4 Lb4+ 7.Sc3 Sxe4 8.0-0
Wir sind in der Hauptvariante der Italienischen Partie. Für eine Partie zweier Zehnjähriger ist es schon mal beachtlich, dass so lange "Theorie" gespielt wird – wohlgemerkt: Keine auswendig gelernte Theorie sondern intuitiv natürliche Züge.

8…Sxc3
[Häufiger spielt man 8…Lxc3 , was nach 9.d5 zum Möller-Angriff führt.]

9.bxc3 Lxc3?
Die Eröffnungstheorie brandmarkt diesen Zug als Fehler. Fritz sieht die Stellung als absolut ausgeglichen. Was sollen sich da zwei Zehnjährige auskennen? Auf jeden Fall ist die Sache verdächtig: Für die 2 Bauern hat Weiß die bessere Entwicklung, hat bereits rochiert und reichlich Angriffsmotive. [Theorievariante ist wohl 9…d5 10.cxb4 dxc4 11.Te1+ Se7 12.Lg5 f6 ]

10.Tb1?
Das ist nun auf jeden Fall nur zweitklassig. Aber wer will in dieser Altersklasse verlangen, dass man die richtige Abwicklung kennt oder am Brett findet? [10.La3 Unter den vielen Möglichkeiten, die Fritz-Analyse und Lehrbücher hier hergeben, ist wohl dieser Zug der beste. Auch Eriks Trainer packten ihn in der Analyse nach der Partie aus. 10…d5 nur damit kann sich Schwarz notdürftig über Wasser halten. (10…d6 11.Tc1 La5 12.Da4 Ld7 (12…a6 13.Ld5 Lb6 14.Txc6 Ld7!? 15.Te1+ Kf8 16.Txd6 cxd6 17.Lxd6+ Kg8 18.Lxf7+ Kxf7 19.Se5+ Kf6 (19…Kg8 20.Db3+ Le6 21.Dxe6# ) 20.Sxd7+ Kg6 21.Dc2+ Kh6 22.Lf4+ g5 23.Te6+ Kg7 24.Le5+ ) 13.d5 Se5 14.Dxa5 ;

10…Lxa1? Schwer zu sagen, ob Robin dieser Versuchung widerstanden hätte. 11.Te1+ Se7 12.Lxe7 Dxe7 13.Dxa1 f6 14.Txe7+ Kxe7 15.De1+ )
;

In Frage kommt ebenfalls 10.Db3 d5 (10…Lxa1? 11.Lxf7+ Kf8 12.Lg5 Se7 13.Txa1 d5 14.Te1 und Weiß gewinnt.) 11.Dxc3 dxc4 12.d5 Se7 13.Te1 0-0 14.La3 Te8 mit leichtem weißen Vorteil.]

10…0-0 11.Le3
[Gut ist auch 11.Lg5 mit weiteren halsbrecherischen Verwicklungen. 11…De8 12.Dd3 d5 (12…La5? 13.Tfe1 Lxe1 14.Txe1 Dxe1+ 15.Sxe1 d6 ) 13.Lxd5 Sb4 14.Lxf7+ Dxf7 15.Dxc3 Sd5 ]

11…d5 12.Ld3
Ziehen wir eine erste Bilanz: Weiß hat noch immer 2 Bauern weniger, kann aber auf seine bessere Entwicklung pochen. Auch stehen seine Figuren günstiger zum Königsangriff ausgerichtet. Schwarz hat mit den beiden letzten Zügen den Entwicklungsrückstand aufgeholt. Doch Sorgen macht uns der Läufer c3, welcher ungedeckt in Feindesland steht. Es war jetzt an der Zeit, ihn auf sicherem Weg über b4 und d6 nach Hause zu holen. Aber Rückzüge sind Robins Sache nicht ;-)

12…Sb4?!
[12…Lb4 13.Dc2 h6 14.Lb5 Ld6 15.Lxc6 bxc6 und Schwarz kann optimistisch in die Zukunft blicken.]

13.Db3 Sxd3 14.Dxc3
Schon wieder steht eine schwarze Figur ungedeckt im Lager des Gegners. Zudem hat der Springer auf lange Sicht keine Rückzugsfelder. Da er jetzt mit dem Läufer gedeckt werden muss, gehen mindestens 2 Bauern verloren.

14…Lf5
[Die Alternative 14…Df6 15.Dxd3 Lf5 16.Db3 Lxb1 17.Txb1 ist nicht ganz ausreichend.]

15.Txb7 c6?!
Eine interessante Idee. Robin hat erkannt, dass der c-Bauer nicht zu halten ist und will nun vermeiden, dass sich Weiß mit Dame und Turm auf der 7. Reihe festsetzt. [15…a5 war sicher objektiv besser.]

16.Dxc6 Tc8 17.Da6
Nun steht Weiß schon etwas besser, da er gute Chancen hat, auch noch den a-Bauern zu erobern.

17…Le4
Auf jeden Fall in der praktischen Partie eine richtige Entscheidung. Nur, wenn er am Königsflügel Druck macht und Schwächen provoziert, kann Schwarz noch etwas erreichen. Wir haben eine Stellung mit beiderseitigen Chancen vor uns. Der bessere Spieler wird gewinnen.

18.Td1
Angriff auf den Springer d3.

18…Tc3 19.h3?
Meines Erachtens der nächste Wendepunkt dieser interessanten Partie. Ohne Not schwächt Weiß seine Königsstellung. [Das in der Analyse zunächst vorgeschlagene 19.Se5? ist keine gute Idee. 19…Sxe5 20.dxe5 Dc8 mit vielfältigen Drohungen wie z. B. d5-d4 (Doppelangriff gegen b7 und e3) oder Dc8-g4 (Doppelangriff gegen g2 und d1). Am besten ist wohl 19.Se1 worauf sich alle Beteiligten in der Analyse nach der Partie einigten.]

19…Dc8!
Egal, was Fritz hier vorschlägt – für mich ist das ein sehr starker, durchdachter Zug. Die gegnerische Dame wird an die Verteidigung des Turmes gebunden und der Bauer h3 gerät ins Visier.

20.Ld2??
Unter unangenehmem Druck begeht Weiß den vorentscheidenden Fehler. Aber man behalte immer im Kopf, dass hier zwei zehnjährige Schüler kämpfen. [Hoffnung auf weißen Vorteil begründet nur noch 20.Txa7 Df5 21.Se1 Sxe1 22.Txe1 Tfc8 und Schwarz hat zunächst einige Kompensation für den Bauern. Interessante Abspiele mit letztlich ausgeglichener Stellung entstehen nach 20.Sg5 Sxf2 21.Lxf2 (21.Kxf2 Df5+ 22.Sf3 Lxf3 23.gxf3 Dxh3 24.Dd6 Dh4+ 25.Dg3 Dxg3+ 26.Kxg3 Txe3 27.Txa7 ) 21…Tc1 22.Txc1 Dxc1+ 23.Df1 Dxg5 24.Txa7 ]

20…Lxf3
[Sehr gut war auch der Tempogewinn 20…Tc6 21.Db5 Lxf3 22.Dxd3 (22.gxf3 Tg6+ 23.Kf1 (23.Kh2 Sxf2 ) 23…Dxh3+ ) 22…Lxd1 23.Txa7 ]

21.gxf3
[21.Lxc3 Lxd1 22.Dxd3 Dxb7 23.Dxd1 verliert nicht so drastisch wie die Partiefolge, ist aber letztlich auch klar vorteilhaft für Schwarz.]

21…Tc6 22.Dxa7
[22.Dxd3 Dxb7 hält natürlich länger Stand.]

22…h6?
Upps – ein Strauchler kurz vor dem Ziel? Robin erklärte mir nach der Partie, dass er eben sicher sein wollte, dass auf der Grundreihe nichts anbrennt. Aber diese Vorsicht war unnötig. [22…Tg6+ klärt die Fronten sofort.]

23.Kg2?
Weiß revanchiert sich. Hat Erik die Partie gedanklich schon aufgegeben? [23.Tb6 bringt die 6. Reihe unter Kontrolle und erschwert den schwarzen Angriff erheblich. 23…Txb6 24.Dxb6 Dxh3 25.Db3 Dxf3 26.Le3 Sb2 Der Springer hatte noch immer kein Rückzugsfeld!! Nur dieser Kunstgriff rettet ihn. 27.Tc1 (27.Dxb2? Dxd1+ ) 27…Sc4 ]

23…Tg6+ 24.Kh2
[Bei 24.Kf1 hat Schwarz verschiedene Gewinnwege. Am genauesten ist 24…Se5! (24…Dxh3+ 25.Ke2 Sxf2 26.Kxf2 Te8 27.Te7 (sonst matt) 27…Dh4+ 28.Kf1 Txe7 gewinnt schließlich auch.) 25.dxe5? scheitert an 25…Dc4+ 26.Ke1 Tg1# ]

24…Sxf2
Diese Stellung zu sehen, war für den beobachtenden Trainer natürlich eine unbeschreibliche Freude. Die Partie wird durch eine nette Gabel aus Turmangriff und Mattdrohung entschieden.

25.Td7
Einziger Zug gegen das sofortige Matt auf h3.

25…Sxd1 26.Lb4
führt zum schnellen Matt, aber Weiß war natürlich nicht mehr zu retten.

26…Dc2+ 27.Ld2 Dxd2+ 28.Kh1 Dg2# 0-1