Bild Zum Schmunzeln

Die Geschichte eines Kleidungsstücks

Im Winter 1966 ereignete sich bei einem Heimspiel der beiden unteren Siemens-Mannschaften gegen unterschiedliche Gegner ein kleines Missgeschick, das noch Monate später die Vereine beschäftigte und zu einem reichhaltigen Schriftwechsel führte. Dass es damals noch keine Emails gab, sei nur am Rande erinnert.

Schreiben von Helmut Ide an den Spielleiter des Gehörlosen-Schachvereins vom 02.02.1966: "… Anlässlich der letzten Runde der Mannschaftskämpfe … ist einem unserer Schachfreunde ein Schal abhanden gekommen bzw. vertauscht worden. Wir bitten im Kreise Ihrer … Schachfreunde umzufragen, ob versehentlich der Schal unseres Schachfreundes gegriffen worden ist. Ein anderer herrenloser Schal hat sich dafür angefunden. Wir danken im Voraus für Ihre Bemühungen und erwarten Ihre Nachricht."

Antwort darauf vom 11.03.1966: "…möchte ich heute antworten, daß dies nicht der Fall ist. Da Ihr Brief durch mein Verschulden irrtümlich in einen anderen Schnellhefter kam, habe ich ihn erst gestern entdeckt, bitte daher vielmals um Entschuldigung wegen der Verzögerung…"

Schreiben des SF Ide an den SK Reinickendorf-West vom 14.02.1966: "…wurde einem unserer Schachfreunde im Gedränge des allgemeinen Aufbruchs ein heller Schal vertauscht. Wir bitten daher …nachzufragen ob jemand versehentlich den Schal … gegriffen hat. Es ist ein herrenloser Schal andererseits übrig geblieben."

Antwort darauf vom 27.04.1966 (!): "Meine Bemühungen um das Auffinden eines Schals, …haben leider zu keinem Erfolg geführt. Entschuldigen Sie bitte, daß ich erst heute antworte, aber es hat leider so lange gedauert, bis auch der letzte evtl. in Frage kommende Schachfreund befragt werden konnte."

Auch andere Dinge gingen verloren …

BMM-Heimspiel ca. 2003: Ein älterer Schachfreund hatte sich bereits verabschiedet und kehrte dann noch einmal ins Siemens-Gebäude zurück. Im Vertrauen erklärte er dem Vorsitzenden, er habe sein Gebiss wohl auf der Toilette liegen gelassen. Kein Problem: "Dann schauen Sie doch noch mal nach, es muss ja wohl noch da sein." Er habe bereits nachgeschaut, es aber nicht mehr vorgefunden. Tja – dann müssten wir wohl mal die Anwesenden befragen. Das aber wollte er auf keinen Fall tun, denn "…ich war auf der Damentoilette, da ist man ungestörter." Pikanterweise hatten an diesem Tag wohl bei den Gastmannschaften sogar 2 Frauen oder Mädchen gespielt. Ob das verloren gegangene Stück noch aufgefunden wurde, ist nicht überliefert.

Wenn einer eine Reise tut…

Die Mannschaft des SK Werner Siemens war schon in der Vorkriegszeit häufiger auf Reisen.
1936 spielte man zweimal gegen die Mannschaft des Singer-Nähmaschinenwerks in Wittenberge1. Beide Spiele wurden gewonnen. Über den Rückkampf in Wittenberge berichten die Nachrichten der Kameradschaft Siemens als eine "Schlacht auf 48 Feldern" … ein in der Geschichte des Schach-Journalismus wohl einmaliger Fauxpas. Siemens gewann übrigens an 31 Brettern mit 22:9.
Quelle: Nachrichten der Kameradschaft Siemens, Dezember 1936

1 Der originale Bericht spricht von "Wittenberg". Der Verweis auf ein Singer-Nähmaschinenwerk legt aber nahe, dass es sich um Wittenberge gehandelt hat.

Wenig später reiste eine Auswahl der Berliner Werkvereine nach Brandenburg/Havel und siegte sehr deutlich. Siemens war mit mindestens 10 Spielern in dieser Auswahl (mehr als 100 Spieler) vertreten. Vor Ort muss es wohl einige Missklänge gegeben haben, was unseren Vorsitzenden Georg Rohrbach zu folgendem diplomatischen Kommentar veranlasste:
"Um die Schachfreundschaft zwischen Brandenburg und Berlin nicht zu gefährden, wollen wir über den Verlauf der Veranstaltung nicht weiter berichten. Der Brandenburger Schachgesellschaft wünschen wir für die Zukunft einen tüchtigen Organisator und der Stadt Brandenburg für ihr Stadtparkrestaurant einen tüchtigen Koch."
Quelle: Nachrichten der Kameradschaft Siemens, März 1937

Zitate aus Vereinsversammlungen

"… wurde abermals die Anregung zur Gründung einer Damengruppe gegeben. Bisher scheiterte die Verwirklichung an den Damen, die nicht den Anfang machen wollten. Jetzt ist der Anfang von Frau B. gemacht und sie erwartet, daß nunmehr neue Anmeldungen erfolgen."
Hauptversammlung 1929

"Die Spielordnung wird in der Weise festgelegt, daß jeder Spieler bei Beendigung seiner Partie die Steine ordnungsgemäß aufzubauen und nicht selbst einzupacken hat. Das Aufräumen besorgt Mohr. Nur auf diese Weise könne Mohr für die Vollständigkeit der Spiele bürgen. Wer gegen diese Bestimmung verstößt, soll eine Buße von 10 Pfennig erlegen."
Hauptversammlung 1952, Schachfreund Otto Mohr war damals unser Materialwart.
Das wurde nicht immer so gesehen. 1930 heißt es in den Vereinsnachrichten: "… wollen wir nicht verfehlen, auf die neu beschafften zweckmäßigen Schachkästen hinzuweisen, welche es jedem Schachfreund leicht machen, die Figuren nach beendetem Spiel ihrem Aufbewahrungsort wieder zuzuführen. Der Dank des vielgeplagten Schrankwartes ist ihm dann gewiß."
"Nachrichten des Siemens-Beamtenvereins, April 1930"

"Eine Siegerehrung mit Damen wird abgelehnt. Dagegen wird ein Kaffeekränzchen für einen Sonntag-Nachmittag im Sommer in Aussicht genommen."
Kurz zuvor hatte Otto Mohr eine solche Veranstaltung angeregt, "… um den Männern die Gunst der Weiblichkeit zu gewinnen oder zu erhalten, aber auch, um unseren Männern etwas Gesellschaftliches zu bieten."
Hauptversammlung 1954

"Es wird betont, daß es unverzeihlich sei, wenn spielfreie Mitglieder es ablehnen, mit den Gästen zu spielen. Es sei den in ein Spiel vertieften Vorstandsmitgliedern nicht zuzumuten, ihre Partien abzubrechen und sich den Gästen zu widmen."
Hauptversammlung 1954

Schriftführer Otto Mohr

Bild Die erhaltenen Belege unseres Vereinsarchivs sind für die erste Hälfte der 1950er-Jahre wesentlich vom Wirken des Schriftführers Otto Mohr geprägt. Dokumente aus seiner Feder lassen uns immer wieder ein wenig schmunzeln. Selbst alltägliche Angelegenheiten werden in seinem Ausdrucksstil würdigst zelebriert.

"Sehr geehrter Herr Henke! Unser Herr Vorsitzender hat eine Vorstandssitzung einberufen, die gelegentlich unseres Spielabends am Montag, dem 6.7.53 stattfinden soll. Bitte erfreuen Sie uns durch Ihr Erscheinen. Mit freundlichem Gruße Ihr Mohr"
Förmliche Einladung zur Vorstandssitzung per Post, 1953

"Auf Anfordern teilen wir ergebenst mit, daß unsere Schachgruppe einen Vorstand von zurzeit sechs Köpfen hat …(folgt detaillierte Aufstellung) … Mit Hochachtung ergebenst i.A. Mohr"
Meldung an den Kulturkreis, 1953

"Wir beehren uns ergebenst mitzuteilen, daß folgende dreißig Herren zum Pokalturnier gemeldet haben…"
Meldung an den Schachverband, 1953

"Sehr geehrter Herr Reiher senior!
Ich überreiche Ihnen in der Anlage ergebenst
a) die Ausschreibung des Berliner Schachverbandes für die Berliner Einzelmeisterschaft 1953,
b) die von mir vorbereitete Teilnehmermeldung, Teilnehmer Herr Dieter Reiher,
mit der Bitte, die Ausschreibung Ihrem Herrn Sohn zum Studium zu übergeben und die Teilnehmermeldung zu vervollständigen und abzusenden.
In der Teilnehmermeldung fehlen der Geburtstag Ihres Herrn Sohnes, Ihre eigene Unterschrift als Vereinsvorsitzender und die Unterschrift des Herrn Frische.
Herr Dieter Reiher wird es nicht leicht haben. Jede Spielgruppe besteht aus 12-14 Teilnehmern; es ist also mit elf bis dreizehn Runden zu rechnen, die an den verschiedensten Tagen und an allen möglichen Orten zu absolvieren sind. Ich wünsche Heil und Sieg!
Freudliche Grüße!
Ihr Mohr"
Schreiben an den Vorsitzenden W. Reiher, Juni 1953

Das Siemens-Klubhaus – a never ending story

Das Klubhaus in Siemensstadt beherbergte uns mehr als 6 Jahrzehnte lang. Es war sicher unsere komfortabelste Heimstatt. Das erkannten auch andere Vereine neidlos an, heißt es doch schon 1952 über die Vereine aus dem Ostteil Berlins: "… freuen sich, zu uns kommen zu können; sie haben noch nie einen solchen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, wie wir ihn hier haben." Im Jahresbericht 1951 übte sich der Vereinsvorsitzende Janzen nicht eben in Bescheidenheit, wenn er feststellte, "… daß wir den schönsten Spielraum aller Berliner Schachvereine besitzen."

Intern aber gab es immer wieder Sorgen, vor allem weil die Arbeitszeit des gastronomischen Personals nicht ganz schach-kompatibel war:
1953: "Es ist üblich, dem dienst-tuenden Personal des Klubhauses, in diesem Fall also Frl. Plehwe für die Sonderarbeit am Sonntag eine Entschädigung von 1DM pro Stunde zu gewähren. … Ich bin dafür, daß gezahlt wird, denn unser Schachklub besteht aus Kavalieren." (Otto Mohr)
1960 findet sich u.a. eine Quittung über ein Präsent für (immer noch) Frl. Plehwe.
1973: "Es wird zunehmend schwieriger, Personal auch gegen Bezahlung an Sonntagen für diesen Zweck zu finden. Hinzu kommt, daß wir tariflich gebunden sind, einen äußerst hohen Einkommenszuschlag auszuzahlen." (Schreiben des Kulturkreises an die Schachgruppe)
1976: "… daß diese Sonntagszeiten unsererseits mit hohen Lohnkosten verbunden sind. Wir bitten deshalb, die Zeiten nicht über Gebühr auszudehnen und wenn möglich die Termine zu konzentrieren."
1978: "Wir bitten aus arbeitsrechtlichen Gründen die vorgegebenen Zeiten nicht zu überziehen."
Hin und wieder musste der Verein für Mannschaftskämpfe sogar auf andere Spielstätten ausweichen, so auf den Heidekrug, das Christophorus-Haus, das Siemens-Sportheim oder die Erholungsstätte Siemenswerder. Gelegentlich nahmen wir auch die Gastfreundschaft anderer Vereine in Anspruch. Dennoch wurde der endgültige Auszug aus dem Kulturhaus nach dessen Verkauf 1994 allgemein bedauert.


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Vereinschronik –– Übersicht: Geschichten aus der Geschichte