Bild Ein Schachverein im Zeichen zweier Weltkriege

Im 20. Jahrhundert wurde das Vereinsleben zweimal jäh durch furchtbare Kriege unterbrochen. Der Neubeginn danach stand jeweils auch im Zeichen struktureller Umwälzungen.

Der 1. Weltkrieg 1914 – 1918

Bild Unser Vorgängerverein SK Doppelbauer war zum Jahreswechsel 1912/13 gegründet worden. Zwei Drittel der Mitglieder gehörten dem Siemens-Beamtenverein an, dem man freundschaftlich verbunden war. Noch im ersten Kriegsjahr war ein beachtlicher Mitgliederzuwachs (von 11 auf 29) zu verzeichnen. Doch schon wenig später mussten die jüngeren Mitglieder den Kriegsdienst antreten. Bereits im September grüßt der Vorsitzende, Herr Arthur Lindemann, mit einer Feldpostkarte aus Russland. Seine Zeilen lassen eine heute makaber – ja geradezu peinlich – anmutende Kriegsbegeisterung erkennen, weshalb an dieser Stelle auf ein Zitat verzichtet werden soll.
Die traurige Realität holte unseren Verein bald ein: Schon am 30. August ist "unser liebes Klubmitglied Hansen auf dem westlichen Kriegsschauplatz gefallen."1"… ein weiterer Schachbruder kehrte als Kriegsinvalide heim."

Bereits im September 1914 wurde gemeldet, dass man das fällige Klubturnier zurückgestellt habe, "…da zehn Mitglieder zu den Fahnen einberufen worden sind."

Auch im Laufe des Jahres 1915 war einerseits ein stetiger Mitgliederzuwachs zu vermelden (auf 36 Spieler), andererseits aber ließ die Einberufung weiterer Schachfreunde nur einen provisorischen Spielbetrieb zu, zumal diese zu den "eifrigsten und fleißigsten Kräften" gehörten.
Im April 1915 wurde eine neue Vereinsmeisterschaft (18 Teilnehmer) begonnen. Gegen Ende des Jahres war etwa die Hälfte der angesetzten Partien gespielt und man musste einsehen: "… der Rest wird wohl erst nach Ende des Krieges beendet werden können."2
Ob dies noch gelang, muss bezweifelt werden. Im März 1916 heißt es z.B. "Infolge zahlreicher Einberufungen hat sich der Klub entschlossen, vorläufig nur alle zwei Wochen zu tagen."

Der abgebildete Zeitungsausschnitt vom April 1915 belegt das Vereinsleben während des 1. Weltkrieges.

Neubeginn 1919

Parallel zur Arbeit des SK Doppelbauer begannen Mitte 1916 erste Bemühungen auch formell innerhalb des Vereins der Siemens- und Siemens-Schuckert-Beamten eine Schachgruppe zu begründen. Die Verhältnisse der Kriegszeit erschwerten diese Versuche merklich und 1918 wurde schließlich vermeldet, diese zunächst ruhen zu lassen. Erst im Herbst 1919 gab es die Einladung zu einer förmlichen Gründungsversammlung, die dann am 13. Oktober 1919 vollzogen wurde. Den Namen des Firmengründers nahm der SK Werner Siemens dann 2 Jahre später an.
Erster Vorsitzender war Herr Dr. Bernhard von Tietze. Der neue Klub hatte auf Anhieb einen Bestand von 46 Mitgliedern. Es bleibt zu vermuten, dass sich darunter auch Mitglieder des früheren SK Doppelbauer befanden, bisher können wir eine solche personelle Kontinuität aber nicht belegen. Andererseits existierte der SK Doppelbauer unter dem Vorsitzenden Lindemann bis Mitte der 1920er Jahre weiter, jedoch nicht mehr in Beziehung zum Hause Siemens.3
Bereits 1920 spaltete sich der SK Werner Siemens auf. Unter dem Namen "SK Damenbauer" entstand ein zweiter Verein. Möglicherweise waren Restriktionen bei der Mitgliedschaft von Nicht-Siemens-Mitarbeitern der Grund dafür. 1934 wurde der SK Damenbauer aufgelöst und die verbliebenen Mitglieder (einschließlich des Vorsitzenden Schettler und unseres späteren Spielleiters Frische) kehrten zum SK Werner Siemens zurück.
Über die Neugründung 1919 konnte Frische in einem Aufsatz 1974 nur mutmaßen "…Ich bin deshalb der Ansicht den Anfang des ››Schachs im Hause Siemens‹‹ … vor dem 1. Weltkrieg zu suchen. Es ist schade, daß uns Herr Dr. v. Tietze nicht darüber berichtet hat, ob er nach diesem Krieg Zerschlagenes gesammelt und geeint hatte, oder ob er wirklich 46 ››wilde Schächer‹‹ unter einem Dach vereinte.". Die Unterlagen über den SK Doppelbauer lagerten in der Ostberliner Staatsbibliothek und waren ihm daher nicht zugänglich.
Heute spricht alles dafür, den 1913 gegründeten SK Doppelbauer als unseren legitimen Vorgänger zu betrachten.

Krisenzeiten

Auch die krisenhafte Entwicklung der 1920er und frühen 1930er-Jahre hinterließ ihre Spuren im Vereinsleben. Sicher ist nur wenig davon bis in die Veröffentlichungen des Klubs vorgedrungen. Einen Eindruck verschafft beispielsweise folgender ausführlicher Kommentar von 1923:

"Die Schachgruppe konnte ihren Spielerstamm in unverminderter Interessiertheit das Jahr hindurch halten, trotzdem die unvermeidlichen Zehrkosten im Wirtshaus für sie immer drückender geworden sind. Da aber jeder Neigung und Liebhaberei Opfer gebracht werden müssen, wird um solcher Willen das Interesse für das vornehmste der Spiele nicht erlahmen und es werden Wege gesucht und gefunden werden, den wirtschaftlich Schwachen denkbarste Erleichterung zu schaffen." Wenig später löste sich zumindest dieses Problem wohl durch den Umzug in die Werkberufsschule des Dynamowerks.

Später kam es leider auch im Siemens-Konzern zu Massenentlassungen. Dies wirkte sich unmittelbar auf das Vereinsleben aus, da der Verein strenge Beschränkungen zur Aufnahme Firmenfremder einhalten musste. Brisant wurde das Thema Mitte 1930:

"Eine andere Frage ist aber in den letzten Tagen akut geworden, die für unseren Klub in Beziehung auf Vereinsleben und Spielstärke von einschneidender Bedeutung ist; es ist dies der große Abbau von Angestellten im Konzern. Eine große Anzahl von Mitgliedern ist davon betroffen. Dazu gehören auch unsere Spitzenspieler Herr Häfner und Herr Adeler."
Der Vereinsmeister Häfner war bereist zur Siegerehrung nicht mehr in Berlin und grüßte aus seiner "Lippeschen Heimat". Der Verein sah sich gar gezwungen, auf die Teilnahme an den Mannschaftsmeisterschaften vorübergehend zu verzichten.

Ein tpisches Schlaglicht auf die Situation jener Zeit ist auch die folgende Notiz aus den Vereinsnachrichten vom März 1932: "… die Bitte auszusprechen, recht früh am Spielabend zu erscheinen, um den Kollegen, welche, durch Kurzarbeit gezwungen, schon früh im Klublokal sind, das lange Warten zu ersparen."

Der 2. Weltkrieg 1939 – 1945

Auch während des 2. Weltkrieges wurde zunächst versucht, ein halbwegs geordnetes Vereinsleben aufrecht zu erhalten. Im Frühjahr 1940 endete die Vereinsmeisterschaft mit dem Sieg von Rudolf Palme, der im gleichen Jahr Berliner Meister wurde. Auch das Sommerturnier 1940 ging mit 21 Teilnehmern reibungslos über die Bühne. Es gab keine kampflos entschiedenen Partien!
Noch im September 1940 wurde die nächste Vereinsmeisterschaft ausgeschrieben und angekündigt: "Aller Voraussicht nach wird in den kommenden Wintermonaten ein reges Schachleben in Berlin einsetzen."4 Zwei Monate später aber wurde dieses Turnier "wegen ungenügender Meldungen vorläufig zurückgestellt." Statt dessen wurde 1941 wieder ein Frühjahrsturnier in 4 Gruppen mit wohl knapp 30 Teilnehmern ausgetragen.
Die uns vorliegenden Aufzeichnungen enden im Juni 1941 als die Siemens-Nachrichten auf Beschluss der Papierwirtschaftsstelle der Reichspressekammer ihr Erscheinen einstellen mussten.

Bild Über den Fortgang des Spielbetriebs liegt ein nicht näher datiertes Dokument (vermutlich 1946/47) vor, in welchem über die Gruppenarbeit der Kameradschaft Siemens während des Krieges berichtet wird. Dort heißt es über den Vorsitzenden Georg Rohrbach, dieser sei ein alter Nationalsozialist gewesen, "persönlich ein verständiger Mann … der die Politik nicht in seine Gruppenarbeit trug."
Weiter wird ausgeführt: "…die gewohnten internen Klubturniere wurden regelmäßig durchgeführt. Auch die Kämpfe mit auswärtigen Berliner Gruppen unterbrach der Krieg nicht. Sie erwiesen immer wieder daß die Siemens-Gruppen im Berliner Schachleben eine gute Position hatten. Erst die Zerstörung der Säle im Haus der Kameradschaft Siemens, Februar 1944, entzog der Gemeinschaft den Boden."

Über den Vorsitzenden Rohrbach schreibt Dietrich Frische an anderer Stelle, dieser sei zwar Parteigenosse gewesen, habe sich aber "… sehr an dem Widerstand … gegen die parteipolitische Eingliederung in die NS-Schachgruppe" beteiligt.

Zu dem vorläufigen Schlusspunkt der Vereinsarbeit liegt uns ein bemerkenswertes Dokument vor, das wohl zu unseren wertvollsten Originalen gehört. Im März 1944 fertigte man unter Leitung des Schatzmeisters Kunath ein Protokoll, auf dem 11 Mitglieder den Erhalt von Spielmaterial quittierten, welches sie bis nach Beendigung des Krieges zur Aufbewahrung übernahmen. Zumindest teilweise ist darauf auch die Rückgabe nach dem Krieg belegt.

Neubeginn 1945 als "Schachgruppe Siemensstadt"

Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg war im besetzten Deutschland die Gründung ordentlicher Vereine recht schwierig. Gerade unter dem Dach eines Konzerns wie der Firma Siemens sahen die Alliierten solche Aktivitäten mit berechtigtem Misstrauen. Doch kaum war die größte Not überwunden, trafen sich die Schachspieler wieder, um dem königlichen Spiel zu frönen. Zitieren wir dazu aus der Jubiläumsschrift von 1974: "Es wird Spätherbst 1945 gewesen sein, als die Zahl der Gesammelten für die Bildung einer Schachgruppe Mut gab. Im Januar 1946 war jedenfalls schon eine ansprechende Führung mit organisatorischen Funktionen vorhanden. … Seit dem Winterhalbjahr 1946/47 gab es einen geregelten Spielbetrieb."

Heimstatt im Kulturkreis ab 1948

Neben der Schachgruppe hatten in den Jahren ab 1945 auch andere Hobbygruppen bereits mit ihrer Arbeit begonnen und so nimmt es nicht Wunder, dass auch an die Wiederbelebung des Dachverbandes gedacht wurde. Zitieren wir dazu noch einmal aus der Schrift von 1974: "Die Schächer von Siemens beobachteten die Entwicklung… Sie selbst hatten ja … ihr schachliches Unterkommen gefunden. Aber sie entsannen sich sehr wohl der durch das Haus Siemens abgesicherten Obhut … in gepflegten Clubräumen."

Erste Überlegungen zur Gründung des Kulturkreises Siemens datieren vom September 1947. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Schachgruppe – in personeller Kontinuität des SK Werner Siemens – einbezogen. Schließlich gründete sich diese Gruppe (als Schachgruppe im Kulturkreis Siemens) am 19.04.1948. Das Einladungsschreiben vom 02.04. liegt uns vor. Der erste Eintrag im Kassenbuch datiert vom 14.04.1948 und benennt das Porto für eben jene Einladungen. Bis zur formellen Gründung des Kulturkreises verging noch fast ein weiteres Jahr. Sie erfolgte am 19.02.1949 nach Zulassung durch die britische Militärverwaltung.
Für den Übergang der Schachgruppe Siemensstadt in den Kulturkreis geben wir noch zweimal Schriftführer Otto Mohr das Wort: "… sind die Mitglieder der Ortsgruppe Siemensstadt zu uns als Einzelmitglieder übergetreten." und "Vom Kassenbestande der alten Schachgruppe Siemensstadt habe ich noch immer 6,80 DM (bei) mir. Ich werde sie an den Herrn Kassierer abführen mit der Bitte, den Betrag auf die alten Mitglieder der Schachgruppe Siemensstadt gleichmäßig zu verteilen."5

1 zitiert aus den Nachrichten des Vereins der Siemens- und Siemens-Schuckert-Beamten, März 1915
2 zitiert aus den Nachrichten des Vereins der Siemens- und Siemens-Schuckert-Beamten, Dezember 1915
3 mit einer Kontaktadresse (Lindemann) in Siemensstadt
4 zitiert aus den Nachrichten der Kameradschaft Siemens, September 1940
5 Zitate von Otto Mohr aus dem Vereinsarchiv, 1949


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