Bild Rudolf Palme (1910 – 2005)

Bild Rudolf Palme ist wohl der prominenteste Spieler, dessen Mitgliedschaft wir uns rühmen dürfen. In den Biographien werden immer wieder seine herausragenden Leistungen genannt:

Seine "historische ELO-Zahl" – eine Umrechnung früherer Leistungen auf die später angewandte Wertungsskala – übertraf die Schallmauer von 2500 deutlich.
Wir sind stolz, dass Herr Palme gerade in seiner erfolgreichsten Zeit aktives Mitglied unseres Vereins gewesen ist. Er kam im Dezember 1937 zu uns und gehörte dem SK "Werner Siemens" mindestens bis 1942 an, als er zum Kriegsdienst herangezogen wurde.

Das erste Foto zeigt Rudolf Palme vermutlich während seiner Berliner Zeit. Es wurde 1940 in der renommierten Zeitschrift "Deutsche Schachblätter" veröffentlicht.

Palmes Lebensweg

Bild Rudolf Palme wurde am 06. März 1910 in Wien geboren.
Bereits 1929 trat er in den renommierten "Deutschen Schachverein Wien" ein, wo er solchen herausragenden Meistern wie Spielmann, Grünfeld und Lokvenc begegnete.
An der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt studierte er bis 1933 Physik und promovierte anschließend zum Doktor der Technischen Physik. Aus beruflichen Gründen kam Palme 1937 nach Berlin. Sein Fachgebiet und die Mitgliedschaft in unserem Verein legen die Vermutung nahe, dass er in Diensten der Firma Siemens stand.
Die ersten Kriegsjahre überstand Rudolf Palme noch im Zivilleben, 1942 musste er dann aber doch in den Kriegsdienst eintreten.

Nach Ende des Krieges übersiedelte er (vermutlich über eine Zwischenstation in Bayern) wieder nach Österreich. Reutte in Tirol wurde für fast sechs Jahrzehnte seine Heimat. In den Jahren 1955 bis 1962 führten ihn dienstliche Aufgaben noch einmal nach Deutschland, jetzt nach Frankfurt am Main. Mag solche Mobilität im Zeitalter der Globalisierung nicht weiter aufregend erscheinen, war sie damals sicher ein Ausnahmefall und gibt Zeugnis für seine hoch geschätzte fachliche Qualifikation.
Erst nach Ende der beruflichen Laufbahn konnte sich Palme verstärkt dem Turnierschach widmen und erwarb sich als charismatische Persönlichkeit große Verdienste um das Schach in Tirol und in seinem Heimatverein.

Anton Strauß würdigt Palmes stilles und bescheidenes Wesen. "Von seinen beträchtlichen Erfolgen sprach er selten, viel mehr entzündete sich ein inneres Feuer an originellen Ideen so wie in sachlichen Analysen."

Am Neujahrstag 2005 ist Rudolf Palme nach einem erfüllten Leben verstorben.

Rudolf Palme in Berlin

Wie bekannt, lebte und arbeitete Rudolf Palme von 1937 bis 1942 in Berlin. Er gehörte wohl der damals führenden BSG Eckbauer an und bestritt für diese Meisterschaften als Einzel- und Mannschaftsspieler. Darüber hinaus war er aber auch Mitglied des SK "Werner Siemens" und spielte für uns erfolgreich in der Mannschaft bei den Meisterschaften der "Werks- und Sportvereine". Soweit ersichtlich, spielte Palme meist am zweiten Brett hinter Friedrich Vogt.

Im Dezember 1937 trat Palme unserem Verein bei und wurde 1939 Dritter unserer Vereinsmeisterschaft hinter Vogt und Adeler. Gegen den Turniersieger unterlag er in Zeitnot. Ein Jahr später konnte er dann den Titel des Klubmeisters ungeschlagen (Remis gegen Vogt und Adeler) erobern, da sich beide Rivalen je einen Ausrutscher erlaubten.

Unbedingt hervorzuheben ist, dass sich Rudolf Palme offenbar auch problemlos in den Vereinsalltag integrierte. Gleich mehrfach ist er als Teilnehmer und Sieger kleinerer interner Blitzturniere vermerkt. Im Sommer 1939 spielte er gegen seine Vereinskameraden simultan und holte 9½ Punkte aus 10 Partien.

Die nachhaltigste Erinnerung in Berlin hinterlassen seine Erfolge bei den Stadtmeisterschaften. 1940 wurde Rudolf Palme Berliner Meister – und das nach einem "Fehlstart" von 2 Punkten aus 5 Runden. Doch er ließ sechs Siege folgen und hatte schließlich gar 1½ Zähler Vorsprung. Im geschlagenen Feld befanden sich Schachgrößen wie Friedrich Sämisch, Berthold Koch und Rudolf Teschner. Ein Jahr später gewann er seine Vorrundengruppe überlegen (u.a. vor Kurt Richter, Friedrich Sämisch und Gerhard Pfeiffer), verlor jedoch den Stichkampf der Gruppensieger gegen Ludwig Rellstab.
Im gleichen Jahr belegte er bei der Deutschen Meisterschaft in Bad Oeynhausen den 5. Platz, gemeinsam mit den späteren Olympiade-Startern Kieninger und Pfeiffer sowie u.a. vor Rellstab und Lokvenc.

Bild Weitere Turniererfolge

Bereits 1933 qualifizierte er sich für das hochrangige Leopold-Trebitsch-Gedenkturnier in Wien und bezwang dort u.a. den Turniersieger.
Bei der inoffiziellen Schacholympiade 1936 in München spielte Palme an Brett 7 und erreichte eine positive Bilanz. Auch in den Nachkriegsjahren folgten mehrere Berufungen in die Österreichische Nationalmannschaft zu Länderkämpfen.
Nach seiner Berliner Zeit wurde Palme zunächst 1946 Vizemeister von München (hinter Unzicker) und platzierte sich im hinteren Mittelfeld eines stark besetzten internationalen Turniers in Augsburg.
1948 gewann er das alpenländische Meisterturnier – die inoffizielle Meisterschaft der österreichischen Flächenländer. Bei einem der ersten großen internationalen Turniere im Nachkriegs-Österreich (Bad Gastein, 1948) erreichte er einen Mittelplatz und ließ dann sein Meisterstück folgen, als er 1950 die gesamte österreichische Elite deklassierte und in Melk Staatsmeister wurde.

Erst nach Ende des Berufslebens konnte sich Rudolf Palme wieder intensiver dem Turnierschach widmen. Dass er nichts verlernt hatte, bewies er als Österreichischer Vizemeister 1975, wo er sogar dicht vor dem erneuten Titelgewinn stand. Nach diesem Erfolg wurde Palme nochmals in die österreichische Auswahl bei der ersten Austragung des Mitropa-Cups berufen. 1977 nahm er zum fünften und letzten Mal an den Titelkämpfen teil.
Die Meisterschaften von Tirol und der Region Außerfern hat Palme mehrfach gewonnen.
1991 nahm er an der 1. Senioren-Weltmeisterschaft teil und beendete 1998 seine Karriere nach fast 70 Jahren am Schachbrett.

Unter den überlieferten Partien Rudolf Palmes finden sich Siege gegen Schachkoryphäen wie Eliskases und Sämisch sowie zahlreiche renommierte Berliner Meister.
Seine frühen Partien zeugen von einem offensiven und risikofreudigen Spielstil. Dr. Dückstein kommentiert, dass er noch im hohen Alter vor allem im Mittelspiel "scharfe Krallen" gezeigt habe.

Das Foto zeigt Rudolf Palme beim Simultanspiel ca. 1990.

Bild Beiträge zur Eröffnungstheorie

Die Zugfolge 1.e4 d5 – 2.exd5 Sf6 – 3.c4 e6 wird meist als "Isländisches Gambit" bezeichnet. Jedoch gibt es gute Gründe, sie auch mit dem Namen von Rudolf Palme in Verbindung zu bringen. Er führte diese Variante 1955 in einer Partie gegen IM Dückstein ins Turnierschach ein – Chessbase kennt keine früheren Partien dazu.
Palme spielte mit "seinem" Gambit nicht nur sehr erfolgreich sondern erarbeitete auch wichtige Analysen dazu. Ein mehrseitiger Artikel aus Palmes Feder erschien 1996 in der Zeitschrift Kaissiber. Es ist bezeichnend für sein bescheidenes Wesen, dass er zu diesem Artikel eine neutrale Überschrift wählte, während der Redakteur ganz bewusst auf die Bezeichnung "Palme-Gambit" Wert legte.

Auch sein Beitrag zur "Grazer Variante" der Sizlianischen Verteidigung wird in der Literatur hervorgehoben. Wohl nicht ganz zufällig handelt es sich auch hier um eine scharfe (und vielleicht nicht ganz korrekte) Gambit-Variante: 1.e4 c5 – 2.Sf3 Sc6 – 3.d4 cxd4 – 4.Sxd4 e5 – 5.Sb5 a6 – 6.Sd6+ Lxd6 – 7.Dxd6 Df6 – 8.Dd1 Dg6 – 9.Sc3 d5!?


Quellen

Homepage des Berliner Schachverbandes, Homepage des Österreichischen Schachverbandes, Wikipedia, Chessbase, "Nachrichten der Kameradschaft Siemens", Zeitschrift "Kaissiber", chessgames.com, olimpbase.org, Nachruf beim Österreichischen Schachverband (Anton Strauß), Partiekommentare von IM Dr. Dückstein, Beitrag von Alfred Diel im "Schachreport" zum 85. Geburtstag


BildBild

Vereinschronik –– Übersicht: Personen