Berliner Meisterschaft 2008 – 2. Vorrunde U12

Bild Bei der zweiten U12-Vorrunde ging es uns primär darum, anspruchsvolle Partien gegen starke Gegner zu spielen. Unabhängig vom Erfolg lernen wir dabei viel für künftige Wettkämpfe.
Doch auch dieses Turnier wurde von einem unerwarteten Erfolg gekrönt: Matthias schaffte den Sprung ins Finale.

Wie so oft konnten wir auch hier beobachten, dass unsere Spieler die längsten Partien der einzelnen Runden spielten. In Sachen Konzentration und Zeiteinteilung hatten sie vielen Konkurrenten etwas voraus.
Im Bild rechts: Martin, Mario und Julius erwartungsfroh vor Rundenbeginn

1. Tag

Bild Die erste Runde lief ganz nach unserem Geschmack, mal abgesehen von unserem unvermeidlichen Schicksal, wieder zwei team-interne Partien angesetzt zu bekommen – gegen "fremde" Gegner wurde voll gepunktet. Am Nachmittag mussten dann bei starker Konkurrenz auch einige Niederlagen quittiert werden, was den insgesamt erfolgreichen Tag aber kaum eintrübte.
In den Siemensstädter Duellen lieferte Mario gegen Tom lange einen Zweikampf auf Augenhöhe, ehe sich der erfahrenere Spieler durchsetzte. Martin siegte gegen Julius deutlich, nachdem dessen früher Angriff seine Schattenseiten offenbarte.

Unser "Held" des ersten Tages ist Matthias(Foto oben links). Er startete mit zwei Siegen nach sehenswerten Partien in seine erste BJEM. Am Vormittag ließ er in einer anstrengenden Partie gegen einen achtbaren Kontrahenten zunächst einige Chancen aus. Als dann beide Spieler auf den gegnerischen König losgingen, erkannte er sehr schön ein überraschendes Mattbild.
Am Nachmittag lächelte ihm zunächst die Schachgöttin zu, als der Gegner einen Springerfang ausließ. Doch Matthias konterte seinerseits mit einem Springerfang, der zugleich den Auftakt einer hübschen Gewinnkombination bildete.

Julian gewann zunächst eine sehr lebhafte Partie. Trotz zeitweilig 2 Minusbauern erlangte er gutes Gegenspiel, wurde mit jedem Zug sicherer und gewann am Ende noch eindrucksvoll. Am Nachmittag kämpfte er 2½ Stunden gegen einen der Top-Favoriten und hielt die Partie lange spannend. Auch Tom lieferte einem der Endrundenanwärter einen schönen Kampf mit offenem Visier, dass die Fetzen flogen – das bessere Ende hatte freilich der in vielen Turnieren – auch gegen Erwachsene – gestählte Gegner.
Einzig über die sehr schnellen Niederlagen von Mario und Martin (Matt bzw. Dameneinsteller) gegen starke Konkurrenz war der Trainer etwas enttäuscht. So mussten die Gegner gar nicht zeigen, was sie können.

Der letzte Jubel des Tages gehörte Julius: Endlich ein (Teil)erfolg gegen einen DWZ-Spieler. Dieses ausgekämpfte Remis ist für ihn ein Erfolg, selbst wenn bei Lichte besehen sogar ein ganzer Punkt zu holen war.

2. Tag

Bild Bild Das war ein sehr erfreulicher Tag für alle unsere Spieler. Besonders stolz können heute Tom und Julian sein. Nach 2 Siegen liegen sie mit je 3 Punkten in der Spitzengruppe. Julian (Foto rechts) spielte zwei schöne konzentrierte Partien. Vor allem der Sieg gegen einen Spieler mit deutlich höherer DWZ am Nachmittag macht Lust auf mehr, zumal uns Nicolas Klodt in der 1. Vorrunde mit einem starken Auftritt beeindruckt hatte. Julian spielt diesmal eine Klasse besser als im November, was sich auch im Zeitverbrauch ausdrückt: Mehr als 6 Stunden für 4 Partien wirken in der U12 schon fast erwachsen.
Tom (linkes Foto) gewann zweimal souverän. Seine Partien waren im positiven Sinne so wenig aufregend, dass selbst der Trainer nicht viel davon gesehen hat…
Matthias bleibt in der Spitzengruppe. Heute musste er gegen zwei Spieler aus dem Meisterteam der Sonnenblumen-Grundschule antreten. Gegen Hannes Raddant (DWZ 1230) zeigte er seine bisher beste Partie, erreichte trotz Minusbauer ein sehr lehrreiches Endspiel mit starkem Springer gegen (sehr) schwachen Läufer. Das Remis nach 2½ Stunden geht in Ordnung, auch wenn die Schlussposition sogar gewonnen war. Immerhin hatte Hannes zuvor in "toter" Remisstellung noch einen Gewinnversuch mit Bauernopfer unternommen, dann hat er auch einen halben Punkt verdient. Am Nachmittag war Matthias dann gegen Max Kümpfel unterlegen, der sicher die Endrunde ansteuert.

Für Martin gab es heute Licht und Schatten. Er gewann am Morgen mit einer frühen Springergabel gegen Fabian Bressel. Am Nachmittag schickte er gegen Dani Colakovic seine Dame auf Bauernjagd, statt die Figuren zu entwickeln. Aber vier Mehrbauern sind eben nur von zweifelhaftem Wert, wenn der eigene König mattgesetzt wird… Martins Position im Mittelfeld ist noch ausbaufähig. Dazu muss er am zweiten Wochenende etwas mehr Biss zeigen. Unter 100 Minuten Gesamtspielzeit sind für 4 Partien definitiv zu wenig.

Bild Bild Erste Siege feierten heute Mario und Julius. Mario (Foto rechts) hat es besonders schwer. Das gesamte Umfeld eines Schachturniers ist neu für ihn. Mit wachsender Erfahrung werden auch mehr Erfolge kommen. Heute ging es schon deutlich voran: Sieg nach anstrengender, aber jederzeit konzentriert geführter Partie über 1½ Stunden am Vormittag. In der 4. Runde kam er gegen den schon turniererfahrenen Robert Kempowski in das Endspiel mit Springer und Läufer gegen Turm und Bauer. Leider musste Mario den Springer für Roberts Bauern geben und fand dann im Remis-Endspiel mit Läufer gegen Turm nicht den richtigen Verteidigungsplan, in die sichere Brettecke zu fliehen.
Julius (linkes Bild, unmittelbar vor Beginn seiner Gewinnpartie) unterlag dem früheren Endrundenteilnehmer Erik Scharfe deutlich, feierte dann aber einen schönen Sieg gegen Kürsat Yikik. In einem offenen Schlagabtausch im Mittelspiel bewies unser "Nano" die bessere Übersicht.

3. Tag

Bild Bild Nur zu viert gehen wir in die entscheidenden Runden des Turniers: Martin und Tom mussten heute aus unterschiedlichen Gründen passen. Schade – beide hatten sich eine gute Ausgangsposition erarbeitet.
Am Brett lief es dafür auch heute recht gut. Matthias und Julian liegen mit 4 Punkten in der Spitzengruppe. Morgen können sie unbeschwert angreifen und vielleicht noch Richtung Endrunde blicken.
Im Gedächtnis bleibt vor allem die Partie von Matthias gegen den erfahrenen Erik Scharfe – Einzelheiten dazu in einer eigenen Story: "Das Wunder vom Plänterwald".
Am Nachmittag konnte Matthias gegen Dani Colakovic erneut überzeugen und hielt die Partie souverän remis.

Gegen Dani hatte Julian am Vormittag gewonnen. Im remis-verdächtigen Endspiel setzte er sein besseres Wissen über diese Partiephase konsequent um. In ein schwieriges Endspiel geriet Julian auch am Nachmittag gegen die Nr. 2 der Startrangliste. Vermutlich war auch da etwas zu holen. Unser Spieler hatte die richtige Idee (Bauerndurchbruch), spielte dabei aber etwas zu zaghaft.

Im Gleichschritt agierten heute Julius und Mario: Niederlage am Vormittag und Sieg nach der Pause. Während Julius in der ersten Partie auf sehenswerte und lehrreiche Weise die Dame eingesperrt wurde, war Mario schon klar auf der Siegerstraße, als er doch noch strauchelte. Den verdienten zweiten Punkt holte er dann in Runde 6 nach – war sogar etwas enttäuscht von der schwachen Gegenwehr seines Gegners. Auch "Nano" jubelte über den zweiten Sieg. Ungestört von den Manövern seines Gegenspielers bastelte er an einem Mattbild. Beide werden am letzten Tag noch einmal selbstbewusst aufspielen. Plätze im Mittelfeld wären ein schöner Erfolg und sind noch in Reichweite. Bild rechts: Nano und unser Freund Anton Kaufmann

4. Tag

Bild Das sind die Tage, die man als Schachtrainer nicht vergisst: Wieder einmal war es das "Auf und Ab" der Gefühle, welches sich in die Erinnerung eingräbt. Es begann eigentlich sehr unspektakulär: An den Spitzenbrettern wurden die Figuren nach 5 Minuten wieder aufgebaut. Mit schnellen Remisen hatten sich die 4 unbestritten dominierenden Spieler den Finaleinzug gesichert. So blieb für das übrige Feld nur noch ein Platz und mindestens 3 Spieler wollten ihn erobern.

Blicken wir zunächst auf das Vorprogramm zum großen Showdown: Als erster der Finalanwärter absolvierte Hannes Raddant sein Pensum. Mit einer überzeugenden Partie bezwang er unseren Julian. Wenn man einem so stark aufspielenden Gegner unterliegt, muss man gar nicht traurig sein. Freilich musste Hannes nun hoffen, dass die übrigen Entscheidungspartien remis enden mögen…
Das Duell Siemensstadt – Sonnenblumen-GS gab es auch an zwei weiteren Brettern. "Nano" hatte gegen Robert Kempowski schon eine klare Gewinnstellung, spielte aber nicht konsequent durch und musste schließlich doch dem cool agierenden Robert gratulieren. Besser machte es Mario: Er siegte problemlos gegen Michel Jüng und darf sich über einen gelungenen Abschluss seines ersten großen Turniers freuen. Foto rechts: Mario wie immer konzentriert, im Hintergrund freut sich Julius.

Bild Doch nun wieder zurück in den Raum der Spitzenbretter: Dieser hatte sich inzwischen bis auf 2 Partien geleert und dort saßen Matthias Fluhr und Eric Beier nebeneinander im Fernduell (siehe Foto) um einen Finalplatz. Die Trainer hatten – im Vertrauen auf die veröffentlichten Tabellen – inzwischen errechnet, dass beide auch in der Buchholz-Wertung gleichauf wären. Doch während Eric immer souverän wirkte, sah es bei Matthias keineswegs nach einem Sieg aus.
Seine Gegnerin Maxi Fischer, Berliner U12-Vizemeisterin der Mädchen und damit für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert, hatte sich nach missglückter Eröffnung wunderbar frei gespielt und einen unwiderstehlichen Angriff eingeleitet. Allen war klar, dass Matthias hier wohl verlieren würde.
Mehr als einmal hatte Maxi die Wahl zwischen verschiedenen Fortsetzungen zum sofortigen Gewinn. Auf die wundersame Wendung dieser Partie kommen wir ebenfalls in der Story "Das Wunder vom Plänterwald" zurück. Im Moment sei nur verraten, dass Matthias doch noch gewonnen hat. Maxis Enttäuschung war nur zu sehr verständlich – sie hatte eine tolle Partie gespielt und war kurz vor dem Ziel gestrauchelt.
Eric Beier musste ebenfalls gewinnen. Souverän und routiniert baute er den Druck seiner Figuren aus und holte schließlich den verdienten Punkt als der Gegner in schwieriger Stellung die Zeit überschritt.

Bild Die Partien waren gelaufen – das Bangen und Hoffen begann erst. Zunächst kursierte eine Liste, in der Eric die bessere zweite Buchholzwertung hatte und um diesen Wimpernschlag das Finale erreichen sollte. Doch noch rechtzeitig bemerkte die Turnierleitung, dass im Wertungsprogramm die Behandlung kampfloser Partien nicht gemäß der FIDE-Regeln eingestellt war.
Die Korrektur ergab für unseren Spieler einen halben Buchholz-Punkt Vorsprung und damit die Gewissheit über ein zweites Happy-End an diesem aufregenden Tage: Matthias ist im Finale.
Auf dem rechten Foto: Fünf tolle Typen, die sich für das Finale qualifiziert haben – Matthias Fluhr, Marc Kitzmann, André Döring, Joel Mittelstädt und Max Kümpfel (von rechts). Berechtigter Stolz auch bei den Trainern Bettina Bensch und Michael Rätsch.


Einzelkritik

Matthias Fluhr: (Platz 5, 5 Punkte) – Freude pur: Unser Neuzugang steht auf Anhieb im Finale der Berliner Meisterschaft. Mehr als einmal musste zwar die Schachgöttin helfen, doch mit seiner überlegten Partieanlage und dem reifen Auftreten ist Matthias ein würdiger Finalist. Er unterlag nur dem Turniersieger. Elf Stunden Gesamtspielzeit zeigen, dass er auch anstrengende Partien schon gut verkraftet. Eine schöne Erst-DWZ krönt das tolle Erlebnis.

Julian Rausch: (Platz 12, 4 Punkte) – Auch wenn es die Punktzahl nicht ausdrückt: Julian hat sich gegenüber der ersten Vorrunde deutlich gesteigert, darf sich über einen satten DWZ-Zuwachs freuen. Nach einem kurzen Durchhänger sind wir wieder auf dem richtigen Weg.

Mario Wonneberger: (Platz 29, 3 Punkte) – Mario hat in seinem ersten Turnier viel gelernt und gewann von Runde zu Runde an Stabilität und Erfahrung. Seine Partien waren deutlich besser als das zahlenmäßige Ergebnis. Nach wenigen Monaten im Training kann man auf dieser Basis sehr optimistisch aufbauen.

Julius Tens: (Platz 33, 2,5 Punkte) – Das war Nanos bisher beste BJEM. Aber gute Partiephasen wechselten noch mit Zügen, von denen der Trainer nur schwer zu überzeugen war. Julius muss jetzt lernen, dass es im Schach zwischen "matt setzen" und "matt gesetzt werden" auch noch ein paar mehr Ideen gibt …

Tom Castendyk und Martin Wu: – Aus unterschiedlichen Gründen mussten beide vor dem letzten Wochenende aussteigen. Bis dahin hatte vor allem Tom ein starkes Turnier gespielt und auch in der DWZ kräftig zugelegt.


Bericht und Fotos: Thomas Binder