Berliner Meisterschaft 2009 – 1. Vorrunde U12

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Sechs Schüler vertraten Schule und Verein bei der 1. BJEM-Vorrunde. Gegen die wesentlich erfahrenere Konkurrenz wollten sie für die eine oder andere Überraschung sorgen. Das ist uns in der Tat gelungen, auch wenn unser aussichtsreichster Spieler wegen Krankheit aussteigen musste. Doch lesen Sie unsere Tagesberichte der Reihe nach.

1. Tag

Solch eine BJEM ist für unsere Turnier-Neulinge ein rundum aufregendes Erlebnis. Zum Auftakt trafen sie durchweg auf erfahrene Vereinsspieler mit respektablen Wertungszahlen. Aber das flößt uns natürlich keine Angst ein und so konnten schon in der 1. Runde einige Achtungserfolge bejubelt werden.
Viel wichtiger war dem Trainer aber, dass keine Partie schnell verloren ging. Auch heute waren unsere Schüler an den 3 längsten Partien der Startrunde beteiligt. Eine Tendenz, die wir schon seit Jahren und bei völlig verschiedenen Schüler-Generationen beobachten.

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Siege gab es am Morgen für Maxi und Deniz Leon(Foto links oben). Beide gewannen verdient und zeigten absolut überzeugende Partien – ein toller Auftakt. Waren dies noch "kleine" Überraschungen, sah es an zwei weiteren Brettern nach veritablen Sensationen aus: Khai Liem (Foto rechts) überspielte BSV-Kaderspieler Frederik Altenhein, übersah aber leider einen Doppelangriff mit Figurenverlust. Der Stein, der Frederik da vom Herzen plumpste, war weit zu hören …
Arda zeigte eine großartige Kampfpartie gegen Abrafaxe-Turniersieger Johann Donath aus Weißensee. Nach einem Duell auf Augenhöhe verschmähte er leider das sichere Dauerschach und wählte statt dessen ein Selbstmatt…
Die Niederlagen von Florian und Julius kamen nach langen, ordentlichen Partien zustande. Leider versuchten beide, ohne Rochade auszukommen…

Am Nachmittag freuten wir uns über 3 souverän erspielte Siege: Arda, Khai Liem und "Nano" waren ihren Gegnern aus Vereinen mit höherem Leistungsanspruch deutlich überlegen. Unsere Sieger des Vormittags wurden von noch stärkerer Konkurrenz schon in der Eröffnung auseinander genommen. Nach diesem frühen Schreck konnte Maxi immerhin gegen die Zwölfte der Deutschen Meisterschaften Elisabeth Koch noch beachtlichen Widerstand leisten.

Florians Partie hingegen war schon lange vor der angesetzten Anfangszeit verloren. In der Hektik eines etwas chaotischen Rundenbeginns fehlte unserem unerfahrensten Spieler noch die Cleverness, sich auf sein Spiel zu konzentrieren.

2. Tag
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Donath – Ringleb
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Der hübsche "stille" Zug
… Dc5-b6 entscheidet
die Partie.

Unser Held des zweiten Tages heißt Maxi(Foto links) – mit 3 Zählern aus 4 Partien ist er nun sogar in der Spitzengruppe angekommen. Am Morgen büßte er zwar unnötig eine Figur ein, trug dann aber einen überzeugenden Angriff vor. Man konnte förmlich spüren, wie er sich in jeder Stellung die Zeit nahm, den besten Zug zu finden.
Das Meisterstück folgte gegen den Sieger des Abrafaxe-Turniers. Obwohl erneut früh eine Figur liegen blieb, kämpfte Maximilian ideenreich weiter. Eine etwas zweifelhafte Abwicklung des Gegners führte dann zu der merkwürdigen Materialverteilung auf nebenstehendem Diagramm. Weiß ist materiell mit Turm und zwei Springern für die Dame gut versorgt. Doch entscheidend ist die mangelnde Aktivität seiner Figuren. An dieser Stelle fand Maxi nun den wunderschönen "stillen" Zug 19.… Dc5-b6. Man überzeugt sich leicht, dass Weiß gegen die zahlreichen Drohungen machtlos ist: Der Springer b1 hängt (ggf. mit Matt) und muss zugleich den Turm d2 decken. Nach Abtausch auf b2 ginge der Eckturm verloren und bei Turmrückzug nach d1 folgt das Matt der Dame über die zweite Reihe. Darauf lief es dann auch hinaus, aber selbst bei 20.h2-h3 Tb2xb1+ oder 20.Sh5xf6 Tb2xb1+ 21.Td2-d1 hätte Weiß entscheidend Material verloren. Übrigens ist das ins Auge springende 19.… Tb2xd2 20.Sb1xd2 Dc5xc3 wegen 21.Sd2-b3 längst nicht so gut. Super Maxi, wir sind stolz auf dich.

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Freude und Stolz gab es aber heute für alle unsere Spieler. Khai Liem und Deniz Leon gewannen am Morgen nach guten Partien ohne grobe Schnitzer. Dabei besiegte "KLT" immerhin den Fünften der Berliner U10-Meisterschaft. Beide bauten ihren Vorteil im Laufe der Partie mit gut durchdachten Zügen immer weiter aus und kamen nie in Gefahr.
Als sich der Saal nach 2½ Stunden geleert hatte, wurde noch an 2 Brettern konzentriert gekämpft – natürlich waren Herder-Schüler beteiligt. Arda hatte sehr stark gespielt, doch leider im Laufe seiner bislang längsten Schachpartie nach und nach die Vorteile wieder dahinflutschen lassen. Am Ende fehlte die Kondition für die Verwertung des letzten Mehrbauern. Das Remis hatten sich allerdings beide Spieler verdient.

Selten gibt es auf Schachturnieren Applaus der Zuschauer. Heute verdienten ihn sich "Nano" (Foto rechts) und sein Gegner Nicolas Klodt. Nano spielte wie ausgewechselt: Eine ruhige, besonnene Partie (mit Rochade), Sicherheit statt übereiltem Angriff. Selten konnte er bisher so überzeugen. Lange Zeit verwaltete Julius einen Mehrbauern, doch gegen Ende der Partie neigte sich die Waage zu Gunsten des Gegners. Nano kämpfte weiter, machte Nicolas den Sieg so schwer wie möglich – und behielt Recht. Dem Gegner unterlief doch noch ein Patzer und nach weit über 3 Stunden konnte der Trainer unseren Spieler als Sieger in die Arme schließen.

Am Nachmittag mussten wir dann zwar 4 Niederlagen gegen durchweg starke Konkurrenz einstecken, aber das trübt den Eindruck kaum. Ein solches Turnier ist eben auch eine Kraftfrage und da haben uns die in vielen Wettkämpfen gestählten Klubspieler noch einiges voraus.
Neben Maxi durfte sich jetzt auch Florian freuen. In seinem ersten Schachturnier überhaupt gab es zunächst 3 schmerzliche Niederlagen. Doch er ließ sich davon nicht entmutigen, fand die richtige Einstellung ("Ich will Erfahrung sammeln und lernen, ich habe ja noch ein weiteres U12-Jahr.") und fuhr nun auch den ersten Sieg ein – toll.

3. Tag

Schade – was die Gegner am Schachbrett nicht geschafft haben, das gelang nun einem gemeinen Virus: Maxi wurde matt gesetzt. Unser aussichtsreichster Starter muss also vorzeitig aussteigen. Den Traum vom Finale darf er in der 2. Vorrunde weiter träumen.
In einem starken Team findet sich aber immer jemand, der in die Bresche springt. Das war heute "DLO" (Deniz Leon Ochmann). Mit zwei Siegen hat er sich nun überraschend an die Spitzengruppe heran gepirscht. Und die heutigen Gegner waren als Vorjahresfinalist und Abrafaxe-Sieger nicht von Pappe.
Am Morgen stellte Leon mit einem netten Damenopfer die Weichen auf Sieg. Wegen Matt auf der Grundreihe war die Dame unverwundbar, aber die Stellung des Gegners dann entscheidend geschwächt. Am Nachmittag zahlte sich etwas aus, was wir eigentlich nur sehr selten tun: Gezielte Eröffnungsvorbereitung auf den Gegner. Bis zum 13. Zug lief die Partie im Evans-Gambit genau wie erwartet. Der erste gegnerische Zug, den wir nicht auf der Rechnung hatten, war dann ein Dameneinsteller…
DLO steht in seiner ersten Meisterschaft bei 4 Punkten – ein Riesenschritt nach vorn – ganz egal, was morgen passiert.

Ein guter Tag und der Schritt zur bisher erfolgreichsten BJEM auch für Julius "Nano" Tens, der nun schon 3½ Punkte hat. Am Morgen wurde der Punkt nach einer recht wackligen Partie geteilt, am Nachmittag wartete dann die Berliner U10-Meisterin. Schon nach wenigen Zügen ließ sie ihre Dame einstehen und die Partie war entschieden. Allerdings versuchte die Gegnerin noch mit allen Mitteln, Nano den Sieg streitig zu machen. Gut zwei Stunden kämpfte sie verbissen, wobei nach und nach auch alle übrigen Figuren verloren gingen. Dass rechtzeitiges Aufgeben in manchen Vereinen nicht zu den sportlichen Tugenden zählt, akzeptieren wir gerne. Den dreisten Betrugsversuch bei der Ergebnismeldung hätte man sich allerdings sparen sollen.

Florian und Khai Liem standen heute leider ein wenig neben sich. Nur ein Remis von "KLT" am Vormittag war ihre Ausbeute. Da sollte morgen das Konto noch etwas aufgebessert werden. Arda verkaufte sich am Vormittag leider auch etwas unter Wert. Doch die Mittagspause reichte aus, um die Enttäuschung zu verdauen und am Nachmittag die Konzentration für einen souveränen Sieg zu finden.

4. Tag

Wenig Aufregung diesmal am letzten Tag: Realistische Finalchancen gab es für "DLO" nicht. Neidlos konnten wir die deutliche Überlegenheit von Gerrit Geldner anerkennen, der seine Favoritenstellung mit überlegtem Spiel bestätigte.
Große Freude gab es hingegen bei Nano. An seinem Gegner Robert Denkert haben sich schon viele Herder-Schüler erfolglos die Zähne ausgebissen. Auch Julius kam mit einigem Nachteil aus der Eröffnung (fried liver attack). Doch er spielte mit guten Ideen weiter, fand eine hübsche Falle. Was eigentlich nur den Minusbauern zurück holen sollte, reichte dann sogar zum Grundreihenmatt…
Schließlich gab es noch das einzige interne Duell unserer Spieler. Dabei siegte Khai Liem gegen seinen Klassenkameraden Arda.
Florian blieb spielfrei und konnte damit in seinem ersten Turnier die "rote Laterne" noch abgeben.

Einzelbilanzen

Maximilian Ringleb: Maxi startete großartig in diese Meisterschaft. Vor allem in der 4. Runde gelang ihm eine Partie, an die wir noch lange denken werden. Nach dem ersten Wochenende gehörte er zu den Anwärtern auf das Finale. Jammerschade, dass er dann wegen Krankheit aussteigen musste, aber für die zweite Vorrunde nehmen wir uns einen neuen Anlauf vor.

Julius Tens – 11. Platz, 4½ Punkte: "Nano" kommt weiter gut voran. Platz 11 mit 4½ Punkten ist ein Riesensprung nach vorn. Grundlage dafür ist ein Wechsel der Spielanlage vom bedingungslosen Angriff zum ruhigen Aufbau aus sicherer Königsstellung.
Allerdings half in mindestens 3 Partien das freundliche Lächeln der Schachgöttin. Deren Wohlwollen dürfte für die nächsten Jahre aufgebraucht sein.

Deniz Leon Ochmann – 14. Platz, 4 Punkte: Auch "DLO" kann auf seine erste BJEM richtig stolz sein. Überlegt und konzentriert spielte er seine bislang besten Partien. Die tolle Entwicklung der letzten Monate führte ihn nun in die erweiterte Berliner Spitze seiner Altersklasse. Eine vierstellige Erst-DWZ wird dies auch zahlenmäßig belegen.

Khai Liem Tran – 21. Platz, 3½ Punkte: "KLT" hat bei seinem ersten Auftritt in einem Verbandsturnier sehr ordentlich mitgespielt. Er hat auf jeden Fall das Potential, um einen Finalplatz mitzuspielen. Diesmal passierten in unkonzentrierten Momenten ein paar unnötige Einsteller. Das wird er bei den nächsten Turnieren zu vermeiden wissen.

Arda Yolci – 34. Platz, 2½ Punkte: Selten kann man als Trainer guten Gewissens sagen, dass ein Spieler deutlich besser gespielt hat, als es die Punktzahl aussagt. Ardas Partien waren aber wirklich für weitaus mehr Zähler gut. Er bringt alle Voraussetzungen zu einem guten Schachspieler mit und wird uns davon noch oft überzeugen.

Florian Suhre – 40. Platz, 2 Punkte: Florian hat gemerkt, dass es zum Mittelfeld einer BJEM noch ein weiter Weg ist. Er hat aber (wie auch "KLT") noch ein Jahr in dieser Altersklasse Zeit. Diesmal blieben seine Partien noch hinter dem zurück, was er im Training zeigt. Damit wäre schon jetzt deutlich mehr möglich gewesen. Bessere Zeiteinteilung und gründlicheres Nachdenken werden ihn sicher voran bringen.


Bericht und Fotos: Thomas Binder