Berliner Meisterschaft 2010 – 2. Vorrunde

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Auch an der 2. Vorrunde vertraten uns 10 Schüler. Primär ging es ihnen um ordentliche Partien in einem anspruchsvollen Turnier. Aber auch DWZ-Verbesserung und der Sprung in die Spitzengruppe des Berliner Jugendschachs waren lohnende Ziele.

1. Tag

Höhepunkt des ersten Tages war das interne Duell unserer beiden Finalbewerber in der U14. Yiyang und Matthias lieferten sich eine würdige BJEM-Spitzenpaarung. Frühzeitig büßte Yang einen Bauern ein. Matthias spielte konzentriert und druckvoll weiter und überzeugte vor allem mit dem entschlossenen Schlussangriff die zahlreichen Beobachter. Nach fast 3 Stunden war der verdiente Punkt gewonnen. In seiner heutigen Form braucht Matthias hier keinen Gegner zu fürchten, aber auch für Yang ist der Finalzug längst noch nicht abgefahren.
Im Bild ist die Situation zu Beginn des entscheidenden Angriffs festgehalten.

Ungeschlagen blieb am 1. Tag auch Khai Liem. Am Morgen überspielte er einen ca. 250 DWZ-Punkte "stärker" eingestuften Gegner, musste aber im letzten Moment ein Dauerschach zulassen. Am Nachmittag gab es dann einen sicheren Sieg, bei dem erneut 150 DWZ-Zähler Rückstand zu überbrücken waren. "KLT" spielt hier viel stärker als in der 1. Vorrunde, will sich von Anfang an in der Spitzengruppe festsetzen – da geht was…

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Vier Spieler starteten mit Sieg und Niederlage in die Meisterschaft. Neben Yiyang sind dies Maxi, Julian und U10-Zwerg Felix. Maxi hatte am Morgen gegen Yiyang verloren und gewann seine 2. Partie sicher. Julian (Foto rechts) konnte zunächst gegen Fabian Alcer gut mithalten und besiegte dann nach schönem Angriff seinen Mannschaftsgefährten im Herder-Schulschach-Team Oliver. Oli hatte sich mal wieder von den sprudelnden eigenen Ideen blenden lassen und das Gegenspiel von Julian unterschätzt.
Aufgeregt und gespannt startete Felix (Foto links) in sein erstes Schachturnier. Alles ist neu für den neunjährigen Schachzwerg und an jeder Ecke lauert eine neue Entdeckung. So war es kein Wunder, dass seine Dame bereits nach wenigen Minuten in einem schwarzen Loch verschwand. Doch schon am Nachmittag ging es viel besser. Mit etwa 45 Minuten spielte Felix seine bisher längste Schachpartie und krönte sie trotz Minusfigur(en) mit einem Grundreihenmatt. Auf dem Weg dorthin fand sicher nicht jeder Zug die Gnade des Trainers – aber der erste Schritt zum Schachspieler ist geschafft.

Unsere weiteren 4 Teilnehmer haben das Punktesammeln auf morgen vertagt. Manch gute Idee war heute zu sehen – aber die Umsetzung in einen Sieg scheiterte noch. Symptomatisch dafür war Vincents zweite Partie. Mit schwungvollem Angriff brachte er seinen deutlich erfahreneren Gegner an den Rand der Niederlage. Etwas überhastet ließ Vinni dann einen Figurengewinn und eine weitere starke Fortsetzung aus. Auch das Endspiel mit zwei Türmen gegen die Dame ließ ihm die besseren Aussichten. Doch da hätten seine Türme aktiv angreifen müssen, statt sich passiv im eigenen Lager zu verkriechen.
Wie gesagt: Auch in den Verlustpartien des Tages gab es eine Menge guter Ansätze zu sehen. Mit mehr Turnierpraxis werden wir diese bald auch in zählbaren Erfolg umsetzen.

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2. Tag

Der zweite Tag brachte uns eine insgesamt positive Bilanz, allerdings wurden leider einige "Big Points" vergeben.
Unser Top-Scorer ist nunmehr Maximilian (Foto links außen). Er gewann am Morgen gegen Michel Kuschela, dem er bisher immer unterlegen war und lieferte am Abend der besten Berliner U14-Spielerin eine fast vierstündige Kampfpartie. Mit zwei Figuren gegen Turm und Bauer entspann sich eine sehr komplizierte Partie. Maxi blieb konzentriert und ließ sich auch vom gefährlichen gegnerischen Freibauern nicht beeindrucken. Aber erst als die Gegnerin in beginnender Zeitnot eine Springergabel übersah, war der Sieg unter Dach und Fach. Mit diesem Punkt hat Maxi unsere Bilanz gegen die Spieler von Rot-Weiß Neuenhagen über all die BJEM-Jahre auf eindrucksvolle 34:10 geschraubt. Mit 3 Punkten nach 4 Runden kann er dem zweiten Wochenende sehr optimistisch entgegen sehen.
Apropos Zeitnot: Diese "Krankheit" scheint Maxi überwunden zu haben – ohne dabei hastig oder schlechter zu spielen.

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Zwei weitere Spieler konnten sich heute über Doppelsiege freuen. Oliver (Foto links innen) profitierte am Morgen von einem klingelnden Handy und gewann am Nachmittag sicher. Florian (Foto rechts) zeigte sein weiter verbessertes Können und seine Turnierstabilität mit zwei schönen Erfolgen gegen DWZ-Gegner. Hier wurde allerdings deutlich, dass in der U12 das Leistungsgefälle noch recht hoch ist.

Einen sehr guten Eindruck hinterließen Julian und Khai Liem. Julian besiegte Nicolas Klodt mit einer starken Partie und opferte gegen Johann Donath mutig eine Figur für 2 Bauern. "Co-Trainer" Leon Rolfes bezeichnete das Opfer als "halbkorrekt", ich neige sogar zu "dreiviertel-korrekt". Jedenfalls musste der Gegner das Material später zurück geben. Julians Mehrbauer war als Tripelbauer entwertet, doch sein starker Freibauer hätte vermutlich das Rennen gemacht. Ausnahmsweise war aber hier die alte Regel "Turm hinter den Freibauern" das falsche Rezept. Auf der Nachbarlinie hätte der Turm bessere Dienste geleistet, um den gegnerischen König auszusperren.
Khai Liem unterlag am Morgen, gewann dann seine zweite Partie und liegt mit 2½ Zählern gut im Rennen.

Unsere Cracks Matthias und Yang erwischten heute keinen so guten Tag. Am Vormittag spielten beide remis gegen starke Konkurrenz. Am Nachmittag verdarb Matthias dann eine gut stehende Partie durch einen Rechenfehler. Yang geriet gegen die hier stark aufspielende Phuong Thuy Anh Nguyen in eine hoffnungslose Verluststellung. Drei Minuten Bedenkzeit für 23 Züge waren wohl keine gute Wahl… Doch mit einer Folge sehr unglücklicher Züge verdarb Phuong ihre Stellung zunächst zum Remis und später gar noch zum Verlust. Das wird ihr sicher nicht wieder passieren.

Keine Siege gab es heute für Tim und Vincent. Beide waren aber in der 4. Runde spielfrei und haben nun ebenso einen Punkt auf dem Konto wie Felix. Er unterlag heute zwei erfahrenen Gegnern, die sogar schon im Erwachsenenbereich aktiv sind. Dabei fiel mir auf, dass Felix zwar immer recht schnell eine Figur einbüßte, dann aber diesen "Rückstand" konstant hielt. Er kann also schachlich mithalten, muss nur noch in unübersichtlichen Eröffnungsstellungen besser auf seine Streitkräfte aufpassen. Schon in einer Woche hat er – wie unsere gesamte Truppe – Gelegenheit dazu.

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3. Tag – U10 und U12

Unser heutiger "Tagessieger" heißt Vincent (Foto links). Er gewann beide Partien in überzeugender Manier, bezwang dabei einen Vorjahres-Finalisten und eines der stärksten Mädchen seiner Altersklasse. Mit diesen Ergebnissen bestätigt er ein weiteres Mal die Erfahrung, dass man sich schon während der ersten Meisterschaftsteilnahme enorm entwickelt und zu einem echten Schachspieler heranreift. Alles, was am ersten Wochenende noch schief ging, hat er heute richtig gemacht.
Während Florian zweimal die Waffen strecken musste, wechselten bei Khai Liem Licht und Schatten. Am Vormittag ließ er sich wohl zu sehr von den aufregenden U14-Partien im Nachbarraum ablenken, am Nachmittag war er wieder ganz "der Alte" und gewann sicher.
Freude über ein Remis in der 6. Runde gab es bei Felix. Ein Endspiel mit je fünf Bauern und einer Leichtfigur mag unter Großmeistern zur Punkteteilung verleiten – in der U10 hätte man ruhig noch weiter spielen können…

3. Tag – U14

Die 5. Runde war eine beeindruckende Demonstration unseres Könnens und vor allem unserer spielerischen Reife. Fünf Siege nach meist sehr langen und anstrengenden Partien stehen zu Buche. Relativ schnell ging es nur bei Yiyang, der nach etwas mehr als einer Stunde in die Pause entschwinden konnte. Die vier übrigen Gewinnpartien hielten uns 2½ bis fast 4 Stunden in ihrem Bann. Matthias hatte zunächst einige Schwierigkeiten, doch ein schöner taktischer Schlag zum Rückgewinn des Minusbauern leitete die Wende ein. Danach beherrschte er das Brett sicher und baute seinen Vorteil systematisch aus.

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Sehr interessant verlief aus Sicht des Trainers die Partie von Tim (Foto links). Das Endspiel mit je zwei Türmen, einer Leichtfigur und einem recht wertlosen Mehrbauern – es war ein Doppelbauer – sah alles andere als aufregend aus. So beklagte sich Tims Gegner mehr als einmal über diese "langweilige Partie". Doch während er zusehends die Lust an der Stellung verlor, kniete sich unser Spieler mit aller Kraft hinein und suchte nach Möglichkeiten, doch noch spannende Ideen herauszukitzeln. So gelang es ihm mit großer Geduld weitere Vorteile anzuhäufen und schließlich einen Freibauern auf den Weg zu bringen. Als dann der eigene Läufer verloren ging, war der Bauer schon so stark, dass er das Rennen machte – schöner Lohn für Tims geduldige und konzentrierte Spielweise.

Ringleb – Alcer
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Mit Kc1-b2 knüpft Maxi das
entscheidende Mattnetz.

Julian war heute in seinem Element. Wenn er phantasievoll angreifen kann, ist er um zwei Klassen besser als bei zähen Verteidigungsaufgaben. Das musste auch seine renommierte Gegnerin nach gut drei Stunden anerkennen.

Schließlich konnten wir uns auch noch mit Maximilian freuen. Gegen den deutlich höher eingestuften Fabian Alcer gewann er zunächst mit starkem Angriff eine Qualität. Später ging diese wieder verloren, als Maxi einen Abzugsangriff zulassen musste. Danach lockte er den gegnerischen König in eine brenzlige Situation und knüpfte mit einem subtilen Königszug ein Mattnetz, aus dem es für Fabian nach fast 4 Stunden kein Entrinnen mehr gab (siehe Diagramm).

Über den Nachmittag ist schnell berichtet: Oliver setzte sich klar gegen seinen Klassenkameraden Tim durch. Unsere übrigen Schüler bevölkerten die vorderen vier Bretter und trafen dort auf die überragenden Spieler des Turniers. Nach den kräftezehrenden Partien vom Vormittag fehlte ihnen die Kraft, auch nur Normalform zu erreichen. Verdient setzten sich die Kontrahenten mit 4:0 durch.

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4. Tag

Auch heute gab es im starken U14-Turnier wenig Jubel für uns. Dennoch konnte ich einige interessante Partien beobachten. Oli gewann relativ schnell nach einem Fingerfehler des Gegners und katapultierte sich damit noch auf eine positive Gesamtbilanz. Diese erreichten auch Maxi und Yiyang. Maxi verlor nach verpatzter Eröffnung die Dame, bekam aber zunächst Turm und Läufer dafür, später noch eine zweite Leichtfigur. Das liest sich gar nicht so schlecht, aber die gegnerischen Mehrbauern und die offene Stellung entschieden den Tag gegen Maximilian.
Yiyang (Foto links) stand immer etwas unter Druck und musste sogar einen Turm für einen Freibauern geben. Doch dann zeigte er wieder seine mentale Stärke: Er spielte ungerührt weiter, strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Mit dem Rückgewinn einer Figur war ein erster Etappensieg erreicht. Auch danach hätte der insgesamt beeindruckend erstarkte Jan Winkler noch gewinnen können, doch Yang verteidigte sich zäh und erlangte im Endspiel mit Läufer gegen Turm und Bauer tatsächlich eine Remisstellung. Nach fast 4 Stunden war damit auch die letzte Partie dieser BJEM-Vorrunde beendet.

Unsere Youngster ließen erneut aufhorchen. Felix blieb heute spielfrei und kann mit 2½ Zählern ganz zufrieden sein. Khai Liem trennte sich leider im falschen Moment von seiner Dame, aber Florian und Vincent gewannen nach starken Partien. Flori entpuppte sich als ideenreicher Angriffsspieler und Vincent gewann trotz zweifelhafter Eröffnung gegen die aktuelle Berliner U10-Meisterin eine konzentrierte und geduldig vorgetragene Partie.

Fazit
Turnier Platz   Punkte
U10 24. Felix Roth
U12 18. Vincent Freytag 4
19. Khai Liem Tran
27. Florian Suhre 3
U14 7. Maximilian Ringleb 4
9. Yiyang Huang 4
12. Oliver Stoll 4
14. Matthias Fluhr
16. Julian Rausch 3
23. Tim Gabriel 2
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Vieles zur Wertung ist in den Einzelkommentaren schon gesagt. Insgesamt sind wir mit dem Abschneiden zufrieden, war doch vor allem die U14 stark besetzt. Unsere Spieler zeigten viele gute Angriffsideen, geduldige und konzentrierte Partien. Nicht zufällig waren wir immer wieder an den längsten Partien der einzelnen Runden beteiligt. Allerdings mussten wir noch zu oft über elementare Patzer den Kopf schütteln. Da wurde noch nicht bei jeder Gelegenheit das wahre Können gezeigt – schade.

Exemplarisch sei hier Khai Liem (Foto rechts) erwähnt, bei dem Licht und Schatten sehr heftig wechselten – übrigens fast im Wechsel der Tageszeiten: Morgens holte er nur einen halben Punkt aus 4 Runden, nachmittags 3 aus 3. Bei diesem Trend bietet sich wohl mal ein Einsatz in der Feierabendliga an…
Dennoch gehört "KLT" mit einem dreistelligen DWZ-Zuwachs und dem Sprung über die 1000er-Marke zu unseren Gewinnern. Den gleichen Sprung schaffte Julian, der sogar 131 Punkte zulegt. Maxi gewinnt ebenfalls dreistellig und übertrifft erstmals die 1200. Deutlichen DWZ-Gewinn konnten auch Oli und Florian verbuchen.

Riesig gefreut haben wir uns mit Vincent über sein gelungenes Meisterschaftsdebüt. Er lernte von Runde zu Runde dazu und konnte am zweiten Wochenende mehrere Spitzenspieler der letztjährigen U10 bezwingen. 4 Punkte und eine Einstiegs-DWZ nahe der 1000 sind eine großartige Bilanz, wenn man bedenkt, dass er sich vor dem Turnier nicht vorstellen konnte, mehrstündige Schachpartien zu spielen…
Viel gelernt hat auch unser zweiter Neuling. Dass wir einen Spieler schon nach 2 Monaten in der Herderschach-AG in die U10-Meisterschaft schicken, ist sicher eine Ausnahme und gilt als Probelauf für die nächsten erfolgreichen Jahre. Felix hat diese Chance genutzt.


Bericht und Fotos: Thomas Binder