Die Tücken der FIDE-Regel 10.2

Wie schon mehrfach erwähnt, waren wir in Verden von einigen unglücklichen Entscheidungen der Schiedsrichter betroffen. Wir sind uns sicher, dass hier nicht bewusst gegen uns agiert wurde und können mit Blick auf die Abschlusstabelle auch ausschließen, dass uns sportlicher Schaden entstanden ist. Die Freude der Spieler und Betreuer über das Turnier war freilich empfindlich getrübt. Schließlich dokumentieren die vorliegenden Fälle einmal mehr, in welch schwierige Situationen die Schiedsrichter durch die FIDE-Regel 10.2 immer wieder gebracht werden…
Wir möchten den Besuchern unserer Homepage die Gelegenheit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Aus dem Spiel gegen Dresden

Bild Die links abgebildete Stellung entstand in der Partie von Kevin gegen das Dresdener St.Benno-Gymnasium. An dieser Stelle ist Kevin mit Schwarz am Zuge. Er hat noch etwa 20 Minuten Zeit, sein Gegner noch 6 Sekunden. Weiß stoppte nun – obwohl nicht selbst am Zug – die Uhr und reklamierte Remis, da Schwarz nicht mit "normalen Mitteln" gewinnen könne. Über den formal falschen Zeitpunkt dieser Reklamation wurde großzügig hinweg gesehen, zumal dies sicher keine partieentscheidende Auswirkung hatte.
Der Antrag ist natürlich schachlich völlig abwegig. Fritz weist in dieser brisanten Stellung nahezu Ausgleich aus (ca. 1 Einheit für Weiß) und von einem "nicht gewinnbar" kann überhaupt keine Rede sein.

Der Schiedsrichter ließ die Partie fortsetzen – und zwar ausdrücklich mit der Bemerkung "mit den Freibauern kann doch Schwarz noch gewinnen." Leider bleibt unklar, wie er diese Entscheidung eigentlich formal wertete: Die gerade zitierte Bemerkung impliziert eigentlich eine Ablehnung des Antrages – sonst hätte er sich wohl auch nicht so klar zur Partiestellung äußern dürfen. Das spätere Verhalten des Schiedsrichters impliziert andererseits, dass er seine Entscheidung nach Regel 10.2 aufgeschoben hätte.

OK – die Partie ging unter Beobachtung des Referees weiter. Weiß hielt seine Hand permanent in der Luft über dem Brett, um keine Zeit zu verlieren. Dabei fand er in der Tat eine Reihe bemerkenswert guter Ideen und suchte nach einer echten Gewinnchance. Leider streute Kevin mindestens einen groben Patzer ein – wohl auch als Ergebnis dessen, dass er eben sinnvolle Fortsetzungen suchte und nicht nur auf Zeit "zocken" wollte.

Bild Schließlich ergab sich die rechts abgebildete Stellung (Weiß am Zuge). Hier hat Weiß noch 2 Sekunden, Schwarz noch ca. 15 Minuten. Es ist offensichtlich, dass Weiß nun klar auf Gewinn steht. Von einem reinen technischen Gewinn ist er aber noch weit entfernt, ebenso wie es noch genug Fallstricke gibt, mit denen er seine Stellung verschlechtern würde. Beispielsweise müsste er nach b5-b4+ den "zeitraubenden" Schlagzug mit dem Läufer von f8 machen.

An dieser Stelle brach der Schiedsrichter ohne weiteren Antrag die Partie ab und wertete sie als Remis. Dies war für uns besonders unverständlich, da ja die vom Referee selbst als Gewinnpotential benannten schwarzen Freibauern noch immer auf dem Brett stehen und sogar weiter vorgerückt sind.

Unser Protest gegen diese Entscheidung wurde abgewiesen, weil sich das Schiedsgericht davon überzeugt habe, dass die Partie für Schwarz nicht "unter normalen Mitteln" zu gewinnen sei.
Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis, sind aber sicher, dass die FIDE bei Abfassung der Regel 10.2 andere Stellungstypen im Auge hatte…

Aus dem Spiel gegen Neubrandenburg

Bild Es war schon verhext – einen Tag später wurden wir erneut mit einem kniffligen Fall zur Regel 10.2 konfrontiert. Diesmal betraf es Raphael, der mit Schwarz diese Stellung erreicht hatte, als Weiß (am Zuge) die Zeit überschritt. Einige Zeit zuvor war auch hier durch Weiß eine Remis-Reklamation nach Regel 10.2 erfolgt und der Schiedsrichter beobachte den weiteren Partieverlauf.

Natürlich ist die Stellung objektiv remis, weil man den weißen König nicht von den Feldern f1 und g1 vertreiben kann. Doch hier ist ein Blick auf die vorhergehenden Züge wichtig:
Raphael hat gerade seinen Läufer auf die lange Diagonale gezogen. Zuvor war der weiße König seit einigen Zügen zwischen h1(!) und g1 gependelt.
Als nun die Zeit von Weiß abgelaufen war, gab der Schiedsrichter die Partie remis. Auf Raphaels Einspruch folgte die Rückfrage: "Ja, wie willst du denn gewinnen?" Unser 10jähriger Spieler antwortete ohne weiteres Nachdenken: "Wenn er jetzt wieder nach h1 geht, ist es mit Kf3-f2 sofort matt.". Ob Weiß diese Gefahr vorher erkannt hatte, muss Spekulation bleiben. Jetzt antwortete er natürlich "Ja, ich gehe aber nach f1."
Der Schiedsrichter gab sich mit dieser Auskunft zufrieden und blieb bei seinem Remis-Entscheid.

Da wir schon am Vortag das Vertrauen in die Sachkunde des Schiedsgerichts verloren hatten, verzichteten wir diesmal auf einen Protest und nahmen die bittere Entscheidung hin.

Aus dem Spiel gegen Ingelheim

Auch nach der 6. Runde musste sich das Schiedsgericht mit unserem Wettkampf befassen.
Diesmal wollten wir in der Partie von Raphael eine Remis-Reklamation nach Regel 10.2 anbringen. Leon als Mannschaftsleiter hatte das ausdrückliche Recht, seinen Spielern Remisgebote bzw. deren Annahme oder Ablehnung zu empfehlen. Er war sich nun nicht sicher, ob er unter dieser Maßgabe seinem Mitspieler auch eine Remisreklamation raten dürfe. Er fragte also beim Turnierleiter nach und erhielt die Auskunft, er dürfe dies tun.
Übrigens legt FIDE-Regel 9.1b(3) fest "Ein Antrag auf remis gemäß Artikel 9.2, 9.3 oder 10.2 gilt als Remisgebot." Damit wäre dies bei wörtlicher Auslegung bereits in die Kompetenz des Mannschaftsleiters eingeschlossen, seinem Mitspieler ein Remisgebot zu empfehlen – auch wenn dies vermutlich nicht beabsichtigt ist.

Raphael reklamierte also Remis und der Schiedsrichter ließ unter Beobachtung weiter spielen. Wenig später erfolgte dann ein "echtes" Remisgebot des Gegners, welches Raphael natürlich annahm, womit er unseren Mannschaftssieg sicherte.

So weit – so gut. Merkwürdigerweise legte die gegnerische Mannschaft einen Protest ein, der das Schiedsgericht gleich mehrere Stunden lang beschäftigte. Unser Protest am Vortag hatte nur einen Bruchteil dieser Zeit in Anspruch genommen. Es ist nicht ganz klar, welcher Antrag mit diesem Protest eigentlich verbunden war, jedenfalls wurde er abgelehnt.
Bemerkenswert und bezeichnend bleibt die Begründung: Der Protest hatte nur deshalb keinen Erfolg, weil die Partie mit einem "klassischen" Remisgebot entschieden wurde. Leons Verhalten wurde dennoch als Regelverstoß gewertet, obwohl er ja die ausdrückliche Zustimmung des Turnierleiters eingeholt hatte.