Berliner Meisterschaft 2012 – 1. Vorrunde

Bild Bild Die BJEM-Vorrunde ist das richtige Turnier für alle, die hoch hinaus wollen und dabei vor einer kalten Dusche nicht zurückschrecken. Sechs Herder-Schüler gingen für drei verschiedene Vereine ins Rennen – mit höchst unterschiedlichen Erwartungen. Für Daniel, Marian und Firat war es der erste Start in einem solch anspruchsvollen Turnier. Vor allem Daniel war gespannt, wie weit er schon mit den Besten mithalten kann. Für Marian und Firat ging es um eine Weichenstellung in Richtung DWZ-Erwerb und Erfahrungen über das Schulschach hinaus.
Pablo war in die sehr starke Klasse U14 aufgerückt, wo ihm ein ganz harter Wettkampf bevorstand. Florian konnte in sieben langen und anstrengenden Partien seinen deutlichen Aufschwung der letzten Monate unter Beweis stellen.
Und … … wenn die Jungs mal schwächelten, war natürlich auf unsere jüngste Spielerin Verlass. Rachela gehörte in der U10 schon zum Favoritenkreis und visierte die Endrunde an.

1. Tag

Bild Für das Highlight am Schachbrett sorgte Florian (Foto links) mit seiner Zweitrundenpartie. Gegen einen um genau 100 DWZ-Punkte höher eingestuften Spieler aus einem der Berliner Leistungszentren spielte er eine hochkonzentrierte Partie, strahlte eine beeindruckende Ruhe und Gelassenheit aus und gewann nach überlegener Spielführung. Da war schon das Zusehen eine Freude, zumal man als Trainer immer den Eindruck hatte, dass Florian alles überblickt und genau den richtigen Plan konsequent umsetzt.

Bild Am Vormittag hatten er und sein U14-Kollege Pablo noch nach jeweils langem Kampf gegen Endrunden-Anwärter den Kürzeren gezogen. Pablo hatte dann am Nachmittag ein Freilos, was die kommenden Aufgaben nicht leichter machen wird.

Bilderbuchstart in der U12 für Daniel und Marian, wenn auch nach höchst unterschiedlichem Tagesverlauf. Daniel (Foto rechts) bekam es mit zwei Spielern aus der oberen Hälfte der Setzliste zu tun und zeigte zwei sehr schöne Partien. Konsequent nutzte er die Fehler der Gegner aus und gewann jeweils recht sicher. Natürlich fanden die Trainer noch reichlich Potential zur Verbesserung, aber in der U12 ist es zuallererst wichtig, eigene Patzer zu vermeiden.

Marian startete mit einem unnötigen Dameneinsteller in seine erste Meisterschaft. Doch er kämpfte sich bis ins Endspiel Turm gegen Dame heran und dort erfüllte sich in der Tat noch die Hoffnung auf ein Grundreihenmatt. Umso ärgerlicher war es, dass er dann trotz dieses glücklichen Sieges in der 2. Runde spielfrei war. Sein Gegner hatte sich ca. eine Stunde vor Rundenbeginn wegen Kopfschmerzen abgemeldet und die Turnierleitung sah sich leider außerstande, die bereits veröffentlichten Paarungen noch einmal zu revidieren.

Bild Bei Firat stehen nach dem ersten Tag zwei Niederlagen in der Tabelle. Vor allem die Partie vom Vormittag nährt aber die Gewissheit, dass er sich noch voran arbeiten wird. Weit mehr als eine Stunde lieferte er einem Spieler der oberen Tabellenhälfte einen völlig ausgeglichenen Kampf. Erst Mitte der zweiten Stunde stellten sich dann einige Ungenauigkeiten ein. Nach dieser mit Abstand längsten Partie seiner bisherigen Schachlaufbahn fand Firat trotz Mittagspause noch nicht die Kraft, in Runde 2 die gleiche Konzentration aufzubringen. Das kann und wird am nächsten Vormittag sicher besser laufen.
Dieser Effekt war übrigens vielen Spielern anzumerken. Die Partien der zweiten Runde verliefen fast überall drastisch kürzer als am Morgen.

Schließlich noch ein Blick in die jüngste Altersklasse. Hier gehört Rachela (Foto links) schon zu den Favoriten. An ihrem 9. Geburtstag musste sie gleich 3x antreten. Einem etwas "wackeligen" und einem sehr souveränen Sieg folgte erst in der dritten Runde eine Niederlage. Die Chancen auf den Sprung in die Finalrunde sind aber natürlich weiter intakt.

2. Tag

Frauen-Power in der U12: Mit Anna Denkert und Katharina Du liegen zwei Spielerinnen, deren Entwicklung wir schon lange mit Sympathie beobachten, verlustpunktfrei an der Spitze. Heute zeigten sie den Jungs, wo es lang geht – auch wir waren an diesen Lehrstunden beteiligt…
Am Morgen traf es zunächst Marian, der seine Partie gegen Anna treffend resümierte: "Da ist eine ganze Menge schief gelaufen." Am Nachmittag gab es für ihn dann eine weitere Niederlage nach turbulenter Partie mit beiderseitigem Angriff.

Bild Bild Firat (Foto ganz links) verdiente sich am Vormittag in der 3. Runde den ersten Punkt. Im beiderseitigen Wettrennen um das schnellere Matt hatte er die Nase deutlich vorn. Auch heute reichte seine Kraft allerdings nur für eine gute Partie – aber das gehört genau zu den Faktoren, die man bei seiner ersten BJEM lernen muss.

Daniel ist da schon ein klein wenig weiter und spielt ein SUPER-Turnier. Die vorläufige Krönung gelang ihm heute mit dem überraschenden Sieg gegen Marcel Petersen, den Berliner U10-Meister von 2010. Ganz stark war es vor allem, wie genau er schon lange Zugfolgen in einem komplizierten Endspiel berechnen konnte.
Am Nachmittag bekam dann auch Daniel die Kampfkraft des "schwachen" Geschlechts zu spüren. Er hatte am Spitzenbrett gegen Katharina lange klaren Vorteil und gute Gewinnchancen, verhaspelte sich aber im Schwerfigurenendspiel und verpasste dann leider die Gelegenheit, ein sicheres Remis anzusteuern. Zu lange spielte er "auf Gewinn", was sich dann folgerichtig in ein Spiel "auf Verlust" wendete. Aber egal – Daniel geht mit echten Finalchancen ins zweite Wochenende und allein das ist schon fast sensationell. (Foto links: Marian und Daniel bei Rundenbeginn)

Bild Zurück zur Frauen-Power: Rachela gewann heute beide Partien und liegt in der U10 weiter auf Finalkurs. Der erste Sieg war sehr klar erspielt. In Runde 5 war ihr dann die Schachgöttin ein wenig hold, nachdem Rachela zunächst die konsequente Gewinnabwicklung ausgelassen hatte, aber eben doch noch eine Chance zum Matt bekam. Vielleicht ist es auch ihre in dieser Altersklasse bemerkenswerte äußere Ruhe und Gelassenheit, mit der sie die Gegner immer wieder zur Verzweiflung bringt.

Aus den vier U14-Partien des Tages kam ein Punkt auf die Habenseite. Diesen holte Florian am Nachmittag. Die größte Hürde war es dabei wohl, mehr als 30 Minuten auf den verspäteten Gegner zu warten. Schon oft haben Schachspieler (den Berichterstatter eingeschlossen) dann nicht mehr die Konzentration aufgebracht, eine ordentliche Partie zu spielen. Florian entschied die Partie mit einer Bauerngabel im Mittelspiel und brachte die Mehrfigur dann im Endspiel zur Wirkung. Am Vormittag hatte er gegen einen deutlich höher eingestuften Gegner recht klar verloren. Auch Pablo (Foto rechts) konnte das Konto heute nicht aufstocken. Für ihn sind hier fast alle Gegner große Herausforderungen, aber am zweiten Wochenende kommen sicher noch lösbare Aufgaben. Bei der gemeinsamen Analyse nach der Partie zeigte sich, wie viele gute Ideen er schon hatte, die er dann nur noch genauer in der Partie umsetzen muss.

Bild 3. Tag

Rachela steht im U10-Finale. In der 6. Runde traf sie auf die Nr. 2 der Setzliste. Nun ist es ja in der U10 oft noch so, dass der(die)jenige gewinnt, der(die) weniger grobe Fehler macht. So hatte ich auch Rachelas Vati den Sieg seiner Tochter prophezeit, denn sie spielt eben schon sehr sicher und überlegt. Was sie dann allerdings aufs Brett zauberte, war zumindest für die U10 Schach vom anderen Stern – toller Sieg nach großartiger Partie.
Mit der sicheren Finalqualifikation im Rücken fehlte dann in der Schlussrunde etwas die Konzentration, so dass Turniersieger Dennie Shoipov recht schnell seinen 7. Sieg in der 7. Partie errang.

Von unseren übrigen Spielern überzeugte heute vor allem Florian. Gegen Robert Denkert spielte er lange auf Augenhöhe mit, verhaspelte sich erst im Bauernendspiel nach mehr als drei Stunden. Am Nachmittag gewann er dann erneut gegen einen ca. 100 Punkte höher eingestuften Gegner. Die sicheren Siege gegen Spieler dieses Niveaus verdeutlichen seinen weiterhin stetigen Leistungsanstieg sehr schön.

Für Pablo läuft es hingegen noch nicht nach Wunsch. Die Partie am Vormittag war eigentlich schon so sicher im Kasten, dass die entscheidende Phase meiner Aufmerksamkeit entging. Mit Mehrfigur und -bauer bei klaren Stellungsvorteilen sollte doch nichts mehr anbrennen. Doch es kam zu einem Springerendspiel, in dem nicht Pablos Mehrbauern den Ausschlag gaben, sondern der entfernte Freibauer seines Gegners. Am Nachmittag strich unser Spieler dann seinen zweiten kampflosen Punkt ein. Der zugeloste Gegner erschien nicht zur Partie.

Bild Bild In der U12 sind die Finalchancen für Daniel (Foto rechts) noch intakt. Morgen muss er dann auf "Alles oder Nichts" spielen – oder eben in der 2. Vorrunde eine neue Chance suchen. Heute gab es zunächst eine Niederlage gegen einen der stärksten Gegner, dann einen standesgemäßen Sieg, für den Daniel allerdings eine Portion Glück verbrauchte.

Marian startete mit einem ausgekämpften Remis in den Tag. Hier wirkte er sehr konzentriert, musste in kritischer Stellung mehrmals sehr genau den richtigen Zug finden. Das gelang dann am Nachmittag leider nicht: In der fried-liver-attack muss bekanntermaßen jeder Zug passen, damit man den heftigen Angriff der weißen Figuren schadlos übersteht. Nach Marians einzigem Fehlgriff gab es ein sehenswertes Matt in der Brettmitte (siehe Diagramm).

Firat verlor zunächst eine Partie, aus der er sehr viel lernen konnte. Wenn man das bekannte Fesselungsmotiv mit Läufer g5 und Springer d5 gegen f6 spielt, muss man eben auch konsequent fortsetzen. Nachdem er dies ausgelassen hatte, geriet Firat auf die Verliererstraße. Er fand auch hier noch eine Reihe guter Ideen, die jedoch leider das Blatt nicht mehr wenden konnten.

4. Tag

Bild
Granzin – Lewin
Bild
Schwarz steht "hoffnunglos"(??)
auf Verlust. Im vorigen Zug
– der Läufer stand noch auf f7 –
weist "Fritz" für Weiß immerhin
19 Gewinnzüge aus. Doch der
Anziehende öffnete die f-Linie und
Daniel ließ sich zu dem
Grundreihenmatt mit
1… Dxf1+!!   2.Txf1 Txf1≠
nicht zweimal bitten.

Nachdem die U10 gestern bereits ihr Turnier abgeschlossen hatte, ging es heute in den oberen Altersklassen um die letzten Punkte. Für Daniel erfüllte sich die Hoffung auf einen Finalplatz vorerst nicht. Allerdings muss man jetzt abwarten, ob der Turniersieger noch die formalen Voraussetzungen für die Finalteilnahme erfüllt. Sei es wie es sei – Daniel weiß nun, dass er gegebenenfalls in der 2. Vorrunde eine sehr gute Chance haben wird. Die heutige Partie war über lange Strecken auch nicht finalwürdig, doch dann ergab sich ein sehenswertes, wenn auch etwas glückliches Finale – siehe nebenstehendes Diagramm.

Eine ähnliche Achterbahnfahrt war auch die Partie von Marian (Foto links). Er überspielte seinen Gegner schnell, hatte bereits einen ganzen Turm auf der Habenseite verbucht. Doch sein Kontrahent setzte alles auf die Karte "Mattangriff". Marian schwächte unnötig seine Königsstellung und nun hätte der Gegner mit einem genauen Zug undeckbar Matt drohen können. Er wählte aber nur die zweitbeste Fortsetzung. Marian rettete sich mit einem Damenopfer für Turm und Läufer und klärte dann selbst die Lage schnell zu seinen Gunsten.

Unsere übrigen Vertreter mussten am Schlusstag leider Niederlagen quittieren, wobei vor allem Florians Partie lange Zeit ein besseres Ergebnis versprach.

Fazit

Rachela Rosenhain – U10 – 3. Platz – 5 Punkte: Mit einer tollen Leistung hat sich Rachela souverän für die U10-Endrunde qualifiziert. Besonders beeindruckend war ihre geradezu provozierende äußere Ruhe und Gelassenheit. Gepaart mit sicherem Schach, wenigen Fehlern und den guten Ideen im richtigen Moment lässt dieses Erfolgsrezept noch viel erwarten.

Danel Lewin – U12 – 5. Platz – 5 Punkte: Schon bei seinem ersten Auftritt klopfte Daniel an die Tür der BJEM-Endrunde. Ob es vielleicht sogar schon dafür gereicht hat, hängt davon ab, wie sich die Frage der Staatsbürgerschaft bei Turniersieger Alois Quetin klärt. Falls er auf dem Nachrückerplatz bleibt, sollte der Finaleinzug in der 2. Qualifikation zu schaffen sein. Die sensationelle Erst-DWZ weit über 1300 Punkten entspricht durchaus Daniels aktuellem Leistungsvermögen, auch wenn er dies noch nicht in jeder Partie umsetzt. So half in den beiden letzten Runden die Schachgöttin ein wenig mit, den Punkt auf der richtigen Seite zu notieren.

Marian Hauser – U12 – 20. Platz – 3½ Punkte: Was als Abenteuer geplant war, endet für Marian als Erfolgsgeschichte. Ein Resultat von 50% beim ersten BJEM-Auftritt übertrifft die Erwartungen deutlich. Ärgerlich nur, dass es möglicherweise noch nicht zu einer Erst-DWZ reicht. Die unflexible Haltung der Turnierleitung in Runde 2 (siehe oben) hat letztlich dafür gesorgt, dass Marian einen DWZ-Gegner zu wenig bekam. So werden seine Ergebnisse dann mit jenen der zweiten Vorrunde addiert. Eine gute Grundlage ist auf jeden Fall bereitet.
Schachlich beeindruckte er vor allem mit genauem Rechnen in schwierigen Situationen.

Bild Bild Bild Firat Soman – U12 – 38. Platz – 2 Punkte: Verkehrte Welt… für Firat (Bild rechts) sind nämlich die formalen Kriterien einer Erst-DWZ erfüllt. Er hat bei dieser Meisterschaft viel gelernt, was ihm bei kommenden Turnieren dann auch zu noch besseren Ergebnissen verhelfen wird. Eine Reihe guter Ideen wurde diesmal noch durch ärgerliche Übersehen zunichte gemacht. Wenn er die Fehlerquote reduziert, wird er auch erfolgreiche Angriffspartien spielen.

Florian Suhre – U14 – 15. Platz – 3 Punkte: Auch wenn eine vermurkste Schlusspartie das Bild ein wenig trübt, hat Florian (Bild links) ein starkes Turnier gespielt. Seine Leistungskurve geht weiter nach oben. Er spielte fast immer eine der längsten Partien der Runde. Die regelmäßigen Einsätze im Erwachsenen-Bereich erweisen sich für Florian als eine harte aber fruchtbringende Schule.

Pablo Schlesselmann – U14 – 22. Platz – 2 Punkte: Wenn man ohnehin im unteren Bereich der Setzliste steht, sind kampflose Punkte im Schweizer System absolut kontraproduktiv. Sie sorgten immer im ungünstigsten Moment dafür, dass Pablo (Bild ganz rechts) die wenigen Gegner auf gleichem Spielniveau gar nicht ans Brett bekam. Schade – so ist seine Leistung rein zahlenmäßig kaum sinnvoll zu bewerten. Schachlich hat mir der Stilwechsel auf mutiges Angriffsschach und Gambit-Varianten sehr gefallen. Naturgemäß muss man damit nun erstmal einige weitere Erfahrungen sammeln, bevor sich Erfolge einstellen.


Bericht und Fotos:Thomas Binder