Berliner Meisterschaft 2015 – 1. Vorrunde

1. Tag

Bild Licht und Schatten gibt es nach dem ersten Tag der BJEM-Vorrunden zu vermelden. Das Licht knipsten dabei vor allem die beiden Junioren im zweiten U14-Jahr an. Am Vormittag trafen Kristoffer und Julian jeweils auf ca. 300 DWZ-Punkte stärkere Spieler. Kristoffer spielte eine gute und aufmerksame Partie und hielt am Ende mit drei Bauern gegen Läufer und einen Bauern remis.
Julian (Foto rechts) beeindruckte den Trainer vor allem durch seine konzentrierte Spielweise und (fast äußerlich sichtbar) sehr präzise Variantenberechnung. In einer komplexen Stellung mit beiderseits hängenden Figuren behielt er besser die Übersicht und fuhr einen sehr schönen Sieg ein.

Bild Es folgte … eine seeeehr lange Pause. Die längste Partie der Auftaktrunde dauerte fast fünf Stunden und so konnte Runde 2 erst gegen 16 Uhr beginnen. Das ist vermutlich auch ein BJEM-Vorrunden-Rekord.

Leider konnte Julian die Konzentration nicht über diese Zeitspanne aufrecht erhalten und unterlag gegen einen starken Gegner ärgerlich schnell und drastisch. Kristoffer (Foto links) hingegen war auch am Nachmittag bestens aufgelegt. Er konnte sich zunächst die bessere Bauernstruktur erarbeiten und dann nach und nach ein paar Bauern einsammeln. Nachdem der Gegner seinen Angriff vielleicht nicht ganz konsequent genug vortrug, war Kristoffer "Herr im Ring" und brachte den Punkt im Endspiel sicher nach Hause.

Tom muss sich nach dem Aufrücken in die U14 wohl noch an das dort gebotene Spielniveau und vor allem an die überlegte Spielweise und Zeiteinteilung dieser Altersklasse gewöhnen. So stehen nach dem ersten Tag noch keine Punkte zu Buche. Dass er es besser kann, zeigte stellenweise die Nachmittags-Partie. Im taktischen Wirbel war Tom bestens zu Hause. Er hatte besser und weiter gerechnet als sein Gegner und ging mit Mehrqualität aus der Eröffnung hervor. Doch zur Ausnutzung dieses Vorteils fehlten ihm dann noch die erforderliche Ruhe und Umsicht.

Minh nimmt die U12-Vorrunde als zusätzliches Trainingsturnier ohne Endrundenambitionen mit. Er gewann heute in der Auftaktrunde standesgemäß und unterlag dann gegen die Nr. 1 der Setzliste.

2. Tag

Nach dem zweiten Tag liegen Kristoffer und Julian weiter über den Erwartungen der Papierform. Gegen durchweg höher eingestufte Spieler gelang ihnen heute ein halber bzw. ein ganzer Punkt. Damit liegen beide mit 50% im Mittelfeld – sehr deutlich vor den Positionen der Setzliste. Ein großer DWZ-Sprung ist zu erwarten. Noch wichtiger ist die gewonnene Turniererfahrung in der Konkurrenz mit den besten Berliner Spielern ihrer Altersklasse.
Für das zweite Wochenende ist eine gute Ausgangsposition bereitet. Dann stehen die U14-Spieler ganz im Mittelpunkt unserer Berichte.

Für Tom bietet der erste Start in einer BJEM-Vorrunde noch harte Lektionen. Heute gab es eine Niederlage und einen kampflosen Punkt. In 14 Tagen wird er sich von seiner besten Seite zeigen und die Aufholjagd fortsetzen.

Minh hat sich mit einem kampfstark erarbeiteten Remis und einem souveränen Sieg in die vordere Hälfte des U12-Feldes geschoben. Wegen einer Terminkollision kann er die weiteren drei Runden dieses Turniers leider nicht bestreiten und wird dann im Herbst seine Chance in der zweiten Vorrunde suchen.

Verpasste Chancen
Boldt – Egbert
Bild
Nach 1… Tb2-b3+ führt am Remis kein
Weg vorbei. Der Partiezug 1… Kf4-f3(?)
hingegen ließ Weiß noch Gewinnchancen,
die Timo gekonnt nutzte.
Kirstein – Sturm
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Mit 1… Tb8-a8 stellte Kristoffer eine
letzte Falle. Nun sieht 2.Kh2(!) optisch
sogar gewonnen aus.
Indes genügt die schwarze Aktivität mit
Kd6-d5xd4 und c6-c5-c4 gerade noch
zum Ausgleich. Toms Fortsetzung
2.g2-g4(??) erwies sich jedoch als
ärgerlicher Fehler.

3. Tag

Bild Freud und Leid waren am dritten Turniertag bei unseren Spielern gleich verteilt. Doch auch der Ärger über verpasste Chancen stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
Julian – nein, das ist kein Transparent seines Fanclubs – führte sein starkes Turnier zunächst mit einer weiteren Gewinnpartie fort. Nach gutem Spielverlauf setzte er mit dem Opfer eines zweiten Bauern alles auf die Angriffskarte. Der Gegner fand jedoch gerade noch eine genaue Verteidigung und man musste schon um Julians Partie fürchten. Dann aber machte ein Turmeinsteller den Weg zum Sieg wieder frei.
Auch am Nachmittag konnte Julian gegen einen deutlich DWZ-stärkeren Spieler gut mithalten. Im hochinteressanten Turmendspiel hätte man wohl an jeden Zug beider Spieler eine ausführliche Analyse und lehrreiche Gedanken zum Thema "Aktivität im Turmendspiel" anknüpfen können. Julian spielte immer mit einem Minusbauern, konnte dies aber durch aktive Züge lange ausgleichen. Schließlich blieb im Endspiel Turm und Randbauer gegen Turm eine technische Remisstellung, doch Julian ließ dem Gegner noch einmal Gewinnchancen, die dieser souverän nutzte. Julian verteidigte sich zäh – aber mit einem durchschnittlichen Zeitverbrauch von 24 Sekunden pro Zug kann man in solchen Partien eben nicht bestehen…

Tom hat sich nach dem verkorksten ersten Wochenende viel vorgenommen und zeigte sich heute deutlich verbessert. Leider konnte er dies am Vormittag nicht auf dem Schachbrett beweisen, denn sein Gegner blieb ohne Nachricht fern.
Am Nachmittag spielte er dann im internen Duell gegen Kristoffer seine bislang konzentrierteste und beste Partie. Mit zwei Mehrbauern kam Tom ins Turmendspiel und erreichte zumindest "optisch" – und wohl auch turnier-praktisch – eine Gewinnstellung. Der unerbittliche Computer meint in der entscheidenden Stellung, dass Kristoffers Gegenspiel gerade noch zum Remis reicht. Doch am Brett konnte sich Kristoffer mit einer letzten Falle die Bauernumwandlung und den Partiegewinn sichern. Dennoch hat sich Tom mit dieser starken Partie zumindest den geschenkten Punkt der 5. Runde nachträglich verdient.
Für Kristoffer endet mit diesem Happy-End ein Tag, an dem er gesundheitlich nicht voll auf der Höhe war. Die lange Partie am Morgen gegen einen starken Spieler hatte ihn zusätzlich geschlaucht. Dort kam er nach der Eröffnung nur schwer in Tritt, musste seine Figuren und Bauern etwas unglücklich aufstellen und konnte wenig später eine entscheidende Schwächung der Bauernstruktur nicht vermeiden.

7. Runde

Und wieder ein kampfloser Punkt… Diesmal traf es Kristoffer, dessen Gegner wegen Krankheit absagen musste. Den geschenkten Punkt verdiente sich Kristoffer mit einer Trainingspartie unter Wettkampfbedingungen gegen den spielfreien Teilnehmer der U12-Vorrunde. Dass dies aus unserer Sicht die längste(!) und mit Abstand beste Partie des Tages wurde, spricht nicht unbedingt für die beiden anderen Herderschach-Vertreter.

Julian traf auf den mehr als 800 DWZ-Punkte besseren U12-Meister von 2013, mit dem er immerhin bis zu dieser Runde punktgleich war. Die Gelegenheit zu einer Turnierpartie gegen Spieler dieser Stärke bekommt er noch nicht oft. Da ist es um so mehr bedauerlich, dass die Partie schon nach einem Figureneinsteller im 8. Zug praktisch zu Ende war.

Tom bekam zwar seinen "Wunschgegner" zugelost, konnte aber einmal mehr nicht zu Normalform finden. Aus einer etwas schlechteren Eröffnung befreite er sich mit einer kleinen Kombination. Doch die Antwort seines Gegners überraschte ihn sichtlich und brachte Tom völlig ausser Tritt. Zwei Figurenverluste folgten und die Partie war nicht mehr zu retten.

Fazit

Kristoffer und Julian sind im Kreis der etablierten Berliner Schachspieler ihrer Altersklasse angekommen. Sie können mit den Spielern aus den Leistungszentren mithalten, vor allem wenn sie ihre Ruhe und persönliche Reife in die Waagschale werfen. Das gelang in der Mehrzahl der Partien schon sehr gut. Ein satter DWZ-Gewinn ist für beide der verdiente Lohn. Beide überspringen den ersten 1000er.

Tom – und mit ihm seine Trainer – musste die bittere Erfahrung machen, wie schwer der doppelte Sprung "nach oben" sein kann. Er stieg aus der Open-Turnierserie in die Meisterschaft auf und wechselte zudem in die deutlich anspruchsvollere Altersklasse U14. Das war diesmal noch zu viel. Wie hoch die Trauben hier hingen, zeigt sich letztlich darin, dass Toms DWZ-Verlust sich sogar noch in Grenzen hält. Aber er kann ja noch ein weiteres Jahr in der U14 spielen, da sieht es dann schon ganz anders aus.

Ergebnisse

Platz Name Punkte DWZ-Bilanz
10. Kristoffer Sturm 4 + 116
15. Julian Egbert 3 + 149
20. Tom Kirstein 2 – 104

Bericht und Fotos: Thomas Binder