Bild Meistertitel für ein ganz starkes Team

An dieser Stelle stand bisher oft ein Fazit im Sinne einer Einzelkritik. Diesmal gilt das berühmte Wort: Der Star war das Team. Mit einer bemerkenswerten Leistungsdichte und Selbstsicherheit haben unsere Spieler verdient den Titel gewonnen. Jeder hatte seine schwachen Momente – immer dann hat der Rest des Teams dies wieder ausgebügelt.

Konnte man im Alltag manchmal daran zweifeln, so wurde unmittelbar vor Rundenbeginn auf Konzentration und Fokussierung umgeschaltet. Wir fanden in den Bad Homburger Tagen auch zu einem kleinen Ritual, um uns gedanklich auf die kommende Aufgabe einzustimmen. Auf dem benachbarten Sportplatz traf sich die Mannschaft, besprach das nächste Spiel und schmiedete Pläne, wo und wie die Punkte zu holen sein würden. Natürlich führte nach dem feststehenden Turniersieg der erste Weg wieder an genau diese Stelle (siehe Foto).

Bild Ein starker Ersatzmann

Zu einem Herderschach-DSSM-Team gehören mindestens fünf Spieler. Man muss immer in der Lage sein, im Fall der Fälle einen Wechsel vorzunehmen. Da dieser Fall ausblieb, war die Rolle für Julian (Bild rechts) vorgezeichnet. Er nahm seine Aufgabe im DSM-Open sehr gut an. Julian fehlt es an der Wettkampfpraxis auf ganz hohem Niveau, doch hier spielte er sein bisher bestes Turnier. Er unterlag nur gegen den Erst- und Drittplatzierten, remisierte gegen die Nummer 4 und 5. Da fällt Platz 7 – punktgleich mit dem Zweiten – sogar in die Kategorie "unter Wert geschlagen". Der Beobachter sah gute Leistungen, und fast immer war Julian an den am längsten dauernden Partien beteiligt.

Der spannende Turnierverlauf

Schauen wir von Runde zu Runde, wie sich das Turnier entwickelte und wie sich unsere Mannschaft schließlich als verdienter Meister heraus kristallisierte.

Runde 1

Mit welchen Erwartungen gehen wir in die neun Runden von Bad Homburg? Wir sind an Position 1 gesetzt, doch drei bis vier Mannschaften erscheinen stark genug, uns zu schlagen. Vor allem vor dem Friedrich-Schiller-Gymnasium aus der Geburtsstadt seines Namenspatrons war man gewarnt. An den vorderen drei Brettern waren die Marbacher hervorragend besetzt, am letzten Brett hingegen nicht konkurrenzfähig. Doch das würde im Idealfall reichen, jeden Gegner zu schlagen.
Runde 1 verlief dann erwartungsgemäß: In allen Wettkämpfen gewann das besser eingestufte Team deutlich.

Runde 2

Bild Als Top-Gesetzter kann man auch in Runde 2 noch auf ein leichtes Los hoffen. Das war diesmal anders, denn wir trafen in einer Neuauflage des Berliner Finals auf das Heinrich-Hertz-Gymnasium. Eine Wiederholung des 2:2 an eigenen Brettern hätte jetzt nicht ins Konzept gepasst. Die Mannschaft steigerte sich und gewann 3:1. Alle anderen Mitfavoriten gewannen ihre Spiele ebenfalls, wenn auch meist nicht mehr ganz so klar.

Bild Runde 3

Was man zu dieser Zeit noch nicht ahnen konnte: Unser Duell mit den Magdeburgern ist das vorweg genommene Finale. Etwas unnötig lassen wir beim 2:2 einen Punkt liegen. Zwei Tage später werden wir wissen, dass es ein gewonnener Punkt war.

Der harte Zeitplan – 3 Runden am Vormittag, praktisch ohne Pause – fordert auch bei Marbach seinen Tribut. Unser vermeintlich stärkster Rivale gibt gegen das Team aus München (Nr. 8 der Setzliste) ebenfalls ein Unentschieden ab.
Mit drei Siegen führen nun der zweite große Mitfavorit, die "Grimmels" aus Gelnhausen und die an Position 7 gesetzten Heidelberger.

Runde 4

Konzentriert gehen wir die Aufgabe gegen den Favoritenschreck aus München an und setzen mit dem klaren 4:0 mehr als ein Achtungszeichen.
Das Spitzenspiel gewinnt Gelnhausen – übrigens mit dem DWZ-stärksten Einzelspieler des ganzen Turniers – knapp gegen Heidelberg. Damit gehen die Hessen als einzige Mannschaft ohne Verlustpunkt aus dem ersten Tag. Neben uns folgen Marbach und Magdeburg in Lauerstellung.

Damit war absehbar, dass der Vormittag des zweiten Tages uns die "Hammergegner" auf Position 2 und 3 der Setzliste bringen und damit wichtige Weichen stellen würde.

Runde 5

Selten hat das "Ausrechnen" der Chancen und Erwartungen so gut geklappt. Wir sind gegen Gelnhausen an den hinteren drei Brettern jeweils knapp besser besetzt. Das sollte für 2 Punkte aus 3 Partien reichen. Wenn dann Daniel gegen Richard Bethke (DWZ 2130) nicht verliert… Um es kurz zu machen, diese Rechnung ging genau auf und brachte uns den Spitzenplatz gemeinsam mit Marbach, das zum vierten Mal mit dem standesgemäßen 3:1 gewann, diesmal gegen die starken Magdeburger.

Bild Runde 6

Weniger als eine halbe Stunde Pause vor dem zweiten Spitzenspiel – der Zeitplan der DSSM ist von der Deutschen Schachjugend vorgegeben und sollte dringend überdacht werden.
Gegen Marbach verlieren wir die beiden vorderen Bretter, halten aber ein sicheres 2:2. Durch dieses Ergebnis kommt es zum Zusammenschluss an der Spitze. Doch neben Marbach und unserem Team hat sich dort mit ebenfalls 10:2 Punkten überraschend das Paderborner Pelizaeus-Gymnasium eingefunden. Mit ihrem Sieg gegen Gelnhausen zerstörten die Westdeutschen den Medaillentraum der "Grimmels", die somit einen schwarzen Vormittag erlebten.

Hinter dem Führungstrio folgen mit je 9:3 Punkten Magdeburg und Aschaffenburg. Die Nordbayern bauen neben einem starken ersten Brett vor allem auf ihren DWZ-losen "Ersatzmann" Gabriel Susur, der das Turnier später mit 9 Punkten aus 9 Runden beenden wird – und trotzdem keinen Brettpreis erhält, weil er eben "nur" Ersatzmann ist.

Runde 7

Bild Man könnte meinen, nun alle ganz starken Gegner hinter sich zu haben, doch das Rechnen und Bangen geht erst richtig los. Die verbleibenden drei Runden sind nicht weniger schwer.
Es geht zunächst gegen die Überraschungsmannschaft aus Paderborn (Nr.12 der Setzliste). Mit einem sicheren Auftritt beenden wir den zweiten Turniertag. An Brett 2 schlägt Marbach das Team aus Aschaffenburg knapp, auch Magdeburg und Gelnhausen gewinnen.
Der Kreis der Titelkandidaten sieht nach sieben Runden so aus: Marbach führt mit 12:2 Punkten vor uns, die wir einen Buchholz-Punkt Rückstand haben. Einen Mannschaftspunkt dahinter lauert Magdeburg vor Paderborn und Gelnhausen (je 10:4).

Für den letzten Tag ist Hochspannung garantiert, aber auch die Erkenntnis, dass wir es nicht restlos in der eigenen Hand haben. Als erste Feinwertung dienen die Buchholzpunkte, man ist also auf eine Lotterie angewiesen. Vielleicht war unser Erstrundengegner ein Fünkchen zu schwach…

Bild Runde 8

Göttingen ist "nur" die Nummer 18 der Setzliste. Aber an solchen Tagen, bei solcher Anspannung spielt das gar keine Rolle. Die Niedersachsen fordern uns voll, gleichen zeitweise zum 1:1 aus.
Doch das eigentliche Drama vollzieht sich am Spitzenbrett. Wir hatten leise gehofft – ja erwartet – dass Gelnhausen den Marbachern ein 2:2 abnimmt. Es wurde sogar ein 3:1-Sieg für die Hessen, die den Tiefschlag am Vortage offenbar gut verdaut hatten.
Das Tor zum Titel steht ganz weit offen. Jetzt liegt alles in unserer Hand, wir führen mit einem Punkt vor Magdeburg und zwei Zählern vor Marbach und Gelnhausen.

Runde 9

Das Los meint es gut mit uns, erspart uns den "Angstgegner" Aschaffenburg. Doch auch gegen das Hamburger Christianeum wird es ein schweres Spiel. Erst bei weit fortgeschrittener Zeit bringt Hakobs riskanter Angriff die Entscheidung.
Magdeburg zeigt eine tolle Energieleistung, krönt ein starkes Turnier nach dem Sieg über Gelnhausen mit Platz 2 vor Marbach, das zum Abschluss mal wieder 3:1 gewinnt. Die an Nummer 2 gesetzten Hessen bleiben ohne Medaille, können aber im nächsten Jahr nochmals in gleicher Besetzung antreten.

Zwischen den beiden Runden des Finaltages lag übrigens nur eine 15minütige Pause. Nochmals: Der Zeitplan muss dringend überdacht werden!

Der Titel geht also an das kompakteste und kompletteste Team des Feldes. Wir gaben uns keine Blöße, machten die "Big Points" und blieben als einzige Mannschaft ungeschlagen. Man könnte den Meistertitel als "verdient" bezeichnen…


Text und Bilder: Thomas Binder (Teamfotos zum Teil vom Ausrichter)