Trainingsmaterial Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

Eröffnungsfallen und Kurzpartien – Folge 7
Regel-Fragen
Hausaufgabe
Vom Computerschach
Schach-Wörterbuch
Final Fun




  Eröffnungsfallen – Heute: Der Bauer als Held

Heute soll uns wieder eine Reihe von Kurzpartien interessieren, die durch eine Eröffnungsfalle entschieden wurden.

"Die Bauern sind die Seele des Spiels", Philidor (1726 – 1795)
Was schon der große Philidor wusste, gilt auch für manche Kurzpartie. Sehen wir also heute Bauern, die schon nach wenigen Zügen weit in den gegnerischen Reihen eine Partie entscheiden.

Da sind zunächst 2 Partien weniger bekannter Spieler, die beide auf die gleiche Weise entschieden werden. Der Bauer von d2 läuft bis f7 und setzt dort matt.
Mlotkowski – Deacon, Philadelphia 1913
Kudejew -Gergez, Sowjetunion 1983

Ein anderes Mattbild sehen wir hier:
Yates – Reinle, Murnau 1925

Es folgen einige Kurzpartien, in denen der Bauer es schafft, sich umzuwandeln.

Hier gewinnt der Bremer Carl Carls (1880 – 1958), der Deutsche Meister von 1934 eine berühmte Partie. Carls zog übrigens im 1. Zug immer c2-c4 und bevorzugte auch als Schwarzer den c-Bauern. Kein Wunder, wenn man Carl Carls heißt. Es gibt die Geschichte, dass man ihm irgendwann mal den c-Bauern angeklebt haben soll…
Schuster – Carls, Bremen 1914
Der Russe Kan gehörte in den 30er Jahren zu den ersten Spielern der Sowjetunion, die in die Weltklasse vorstießen.
Kan – N.N., Moskau 1929
Die nächste Partie wurde schon 1892 beim traditionellen Turnier im englischen Hastings gespielt, wo sich alljährlich zum Jahreswechsel die Weltklasse traf. Hier unterliegt Henry Bird (1830 – 1908) ausgerechnet in der nach ihm benannten Eröffnung gegen Isidor Gunsberg (1854 – 1930). Zug für Zug genauso lief 1950 die Partie Lidler – Joppen.
Bird – Gunsberg, Hastings 1892
Das gleiche Motiv sehen wir in einer jüngeren Partie wenig bekannter russischer Meister. Auch hier gibt es 2 Partien mit gleicher Zugfolge: Natapow – Rasdobarin (1969) und Jewremow – Kukis (1978)
Natapow – Rasdobarin, Sowjetunion 1969

Zum Schluss noch eine weitere interessante Idee.
Henningsen – NN, Dortmund 1979
Die vorstehende Partie wirft ein interessantes Licht darauf, wie schwer es ist, selbst über nur wenige Jahrzehnte zurück liegende Ereignisse, zuverlässige Informationen zu bekommen. Sie ist in mehreren Büchern des russischen Autors Mazukewitsch enthalten.
Als Schwarzspieler erscheint der Familienname eines namhaften Internationalen Meisters und Schachjournalisten aus Deutschland. Er hat jedoch plausibel erklärt, dass er niemals eine solche Partie gespielt hat. Diese Aussage ist absolut glaubhaft, weshalb ich auch hier auf die Namensnennung verzichte. Dessen ungeachtet - geistert die Partie – z.T. sogar unter vollständiger Nennung des offenbar falschen Namens – durch Literatur, Datenbanken und seriöse Webseiten.
Weitergehende Recherchen unter Einbeziehung mehrerer Schachhistoriker haben ergeben, dass die Partie vermutlich von der früheren Ehefrau des betreffenden Spielers verloren wurde.




  Regel-Fragen

In lockerer Folge wollen wir einige Fragen zu den Wettkampfregeln und zum Verhalten im Turnier besprechen.

Frage Antwort Hinweise
Wie ist das mit "berührt – geführt"? Berührt man eine eigene oder eine gegnerische Figur, so muss man diese ziehen oder schlagen. Berührt man mehrere Figuren einer Farbe, so muss die zuerst berührte gezogen oder geschlagen werden. Berührt man je eine eigene und gegnerische Figur, so muss man mit der eigenen die gegnerische schlagen. Kann die betreffende Figur nicht regulär ziehen oder geschlagen werden, so bleibt der Verstoß ohne Folgen.
Hat man eine gezogene Figur auf einem regulären Feld losgelassen, so kann man sie nicht mehr auf ein anderes Feld ziehen.
Will man eine Figur zurecht rücken, so sagt man vorher "Ich rücke zurecht" oder französisch "j'adoube".
Ein offensichtlich unbeabsichtigtes Berühren der Figur bleibt natürlich unbestraft.
Wie führt man die Rochade durch? Man zieht zuerst den König um 2 Felder zur Seite und dann den Turm auf das Nachbarfeld.
Stellt sich heraus, dass die Rochade nicht zulässig ist, so gilt die Regel "berührt – geführt" für den König. Man muss dann also einen Königszug (oder die Rochade zur anderen Seite) machen.
Man darf beide Hände zur Rochade benutzen.
Auf keinen Fall darf man zuerst den Turm ziehen. Denn der Turmzug (z. B. von h1 nach f1) wäre ja schon ein abgeschlossener Zug.
Wie ist das genau mit der dreimaligen Stellungswiederholung? Die Regel sagt: "Stellungen sind gleich wenn der gleiche Spieler am Zuge ist, Figuren gleicher Art und Farbe die gleichen Felder besetzen und die Zugmöglichkeiten … gleich sind." Zu beachten ist, dass bei scheinbar gleicher Stellung unterschiedliche Zugmöglichkeiten bzgl. Rochade und en-passant-Schlagen bestehen können. Dann ist es eben keine Stellungswiederholung.
Die Stellungswiederholung muss nicht unmittelbar nacheinander erfolgen. Es können mehrere Züge dazwischen liegen.
Die Partie ist nicht automatisch Remis, sondern nur wenn einer der Spieler dies auch fordert.
Was genau sagt die 50-Züge-Regel? Wenn 50 Züge lang kein Bauer gezogen und keine Figur geschlagen wurde, ist die Partie auf Anforderung eines Spielers Remis. Bauernzüge und Schlagfälle sind sozusagen "irreversible" also unumkehrbare Züge.
Die Partie ist nicht automatisch Remis, sondern nur wenn einer der Spieler dies auch fordert. Das kann man nur so lange tun, wie die 50-Züge-Bedingung erfüllt ist.
Die Figuren waren am Anfang falsch aufgebaut. Die Partie wird abgebrochen und neu angesetzt. Stand nur das Brett falsch herum, so wird die Stellung auf ein korrekt aufgebautes Brett übertragen und weiter gespielt. Haben die Spieler die Farben gegenüber der Ansetzung vertauscht, wird weitergespielt.



  Hausaufgabe

Wir lösen jetzt die Aufgabe aus Training Nr. 6 auf. Sie bestand aus 3 Partien, von denen zu entscheiden war, ob die Aufgabe jeweils zu Recht erfolgte.

Nr.1
Zu Recht aufgegeben
Das besondere an dieser Partie: Der Autor Klaus Trautmann wollte sie zunächst in sein Buch über irrtümlich aufgegebene Schachpartien aufnehmen. Er erkannte aber dann, dass auch seine Rettungsidee für Schwarz nicht mehr funktioniert. Lösung 1
Nr.2
Weiß kann sogar gewinnen.
Mit einem Bauerndurchbruch erreicht Weiß sogar noch eine Gewinnfortsetzung. Das mag man nicht alles sofort überblicken, aber versuchen musste der Anziehende das unbedingt. Lösung 2
Nr.3
Schwarz rettet sich ins Patt
In hinreichend beengter Stellung sollte man vor dem Aufgeben zumindest noch nach einem Patt Ausschau halten. Lösung 3

Und hier nun die neue Aufgabe für dieses Mal.

Wieder einmal präsentiere ich eine eigene Partie. Sie stammt aus meiner letzten Wernigeröder Kreismeisterschaft 1997. Ich spielte gegen einen ehrwürdigen alten Herrn, den kennengelernt zu haben, ich zu meinen erfreulichen Erinnerungen zähle. Leider war dies unsere letzte Partie gegeneinander.
Ich habe die Partie durch einen flüssig und folgerichtig wirkenden Angriff in schönem Gambitstil gewonnen.
Doch mein Spiel hat seine undichte Stelle! Irgendwo zwischen dem 7. und 22. Zug konnte Schwarz einen schönen und absolut zwingenden Gewinn erreichen. Er ließ diese Chance jedoch aus.
An welcher Stelle ist das und wie kann Schwarz dort gewinnen?
Binder – Weber, 1997




  Wie denken Schachprogramme?

Wir werden uns künftig auch mit einigen interessanten Aspekten des Computerschachs beschäftigen.

Heute wollen wir eine Merkwürdigkeit betrachten, die den Übergang vom Denken zum Wissen markiert.
Das Zauberwort an dieser Stelle heißt Tablebases. Bestimmte Endspiele mit sehr wenigen (!) Figuren sind nämlich bereits vollständig erforscht. Das heißt, man weiß zu jeder beliebigen Stellung, wie sie zu bewerten ist (Remis oder Matt bzw. anderweitiger Gewinn in wieviel Zügen). Dann muss man nur noch so spielen, dass man von Zug zu Zug an eine Stellung kommt, die schneller (in weniger Zügen) gewonnen ist.
Das hat dann also nichts mehr mit "Denken" und "Rechnen" zu tun, sondern nur noch mit "Wissen" und "Nachschlagen".
An einem sehr einfachen Beispiel wollen wir uns vergegenwärtigen, welch kuriose Folgen das haben kann:
Am einfachsten gewinnt man die hier betrachtete Stellung natürlich durch Heranführen des Königs, was zu einem höchstens 6zügigen Matt führt. Das sollte jeder Anfänger zuwege bringen…
Der einfachste Weg zum Gewinn
Selbst ein Computer, der dieses Matt nicht gleich erkennt, wird die Partie mit halbwegs "menschlichen" Zügen gewinnen, z. B. indem man sich eine weitere Dame holt. Es dauert dann nur geringfügig länger.
So geht's auch
Ganz anders geht nun ein Programm mit dieser Situation um, wenn es die Tablebases (also die komplett erforschten Stellungen) besitzt.
Es weiß nämlich, dass die fünfsteinigen Endspiele (bei uns also "König + 2 Bauern gegen König + 1 Bauer") als Datenbank vorliegen. Wenn es dort nachschlägt, erkennt das Programm sofort (!), dass diese Stellung (Ka1, Bf2, Bf3 – Kf8, Bf4) für Weiß gewonnen ist. Man braucht sich also nur noch der Dame entledigen, um ein Endspiel zu erreichen, in dem man nicht mehr rechnen sondern nur noch nachlesen muss…
So spielt ein Computer mit Tablebase
Laut den Tablebases kann Schwarz die Niederlage nicht länger verzögern. Er verteidigt sich in der Tat optimal.
Es dauert hier also viel länger, aber das Programm gewinnt ohne jede Rechenleistung nur durch Nachspielen der erforschten Stellung.




  Schach-Wörterbuch

Viele Informationen findet man auf Englisch-sprachigen Webseiten und leider werden auch immer mehr Schachbücher nicht ins Deutsche übersetzt.
Deshalb beginne ich hier eine kleine Übersetzungshilfe Englisch – Deutsch. -- Fortsetzung folgt.

Englisch Deutsch Erläuterung
piece (Schach)figur Auch "man" ("chessman") möglich. Letzteres meint meist eine gegenständlich vorgestellte Schachfigur (z. B. als Kunstwerk), während "piece" mehr die schachliche Bedeutung anspricht.
Achtung: Auf keinen Fall mit "figure" übersetzen!
minor piece Leichtfigur s. oben
king König abgekürzt: K
queen Dame abgekürzt: Q
rook Turm abgekürzt: R
bishop Läufer abgekürzt: B
knight Springer ACHTUNG abgekürzt: N
pawn Bauer abgekürzt: P
check Schach "check" meint das Schachgebot. Das Spiel heißt "chess".
mate Matt
stalemate Patt
draw remis Unentschieden
resign aufgeben "white resigns" bzw. "black resigns" / Oder nur "resigns" – Man weiß ja, wer am Zuge war.
castling Rochade Im Englischen spricht man nicht von "langer" oder "kurzer" Rochade sondern bezeichnet die Richtung mit "kingside" bzw. "queenside".
opening Eröffnung
middlegame Mittelspiel
ending Endspiel

Übrigens muss man nicht alles übersetzen. Die deutschen Worte "Zugzwang" und "Zeitnot" sind ins Englische unverändert übernommen worden.




  Final Fun

Opfern oder nicht Opfern??
Vor dieser Frage steht der Schachspieler in fast jeder Partie. Und gerade für uns Durchschnitts-Vereinsspieler ist natürlich die Wahrscheinlichkeit (leider) sehr hoch, dass wir uns genau falsch entscheiden.
Für uns hat der mehrfache britische Meister William Hartston eine – freilich nicht ganz ernst gemeinte – Formel entwickelt, um die Korrektheit einer Kombination zu berechnen:

W = G / n2 – O

Dabei bedeuten:
G = der erwartete Materialgewinn, wenn die Kombination korrekt ist (bzw. wäre)
O = die Menge des geopferten Materials
n = die Anzahl der zu berechnenden Züge
W = der Wert der Kombination
Ist W positiv, so sollte man sein Glück versuchen. Ist W hingegen negativ, so ist das Risiko sich zu verrechnen wahrscheinlich zu groß.

Sehen wir uns 2 Beispiele an:
Opfert man einen Bauern (O = 1), um 2 Züge später (n = 2) einen Turm (G = 5) zu gewinnen, so ergibt die Formel W = +1/4. Das ist immer noch positiv und man kann es also versuchen…
Geben wir hingegen einen Läufer (O = 3) um nach 3 Zügen (n = 3), die Dame zu erobern (G = 9), so errechnet sich W = -2. Das ist leider sehr negativ und daher sollte man die Finger von der Opferidee lassen…
Die Formel wird auch als HAURUCK-Formel bezeichnet, denn sie folgt direkt aus Hartstons allgemeiner Unsicherheitsregel ueber Club-Kombinationen, wonach die Wahrscheinlichkeit des Verrechnens mit dem Quadrat der Zahl der Züge wächst, die man vorauszuberechnen versucht.




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Thomas Binder, 2003