Binder,T (1799) – Schmidt,P (1988)
BEM-Qualifikation 2003, 22.04.2003

Nach 3 leichten und kurzen Partien nun also die erste harte Prüfung. Es wird eine Partie von mehr als 4½ Stunden – mit Happy End.

1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.f4 a6 5.Sf3 b5 6.Ld3 Lb7
Den weißen Aufbau kenne ich recht gut. Allerdings hat Schwarz die Entwicklung seiner Springer verzögert und sich am Damenflügel etwas merkwürdig aufgebaut.

7.0-0 Sd7 8.e5 e6
Das hielt ich nicht für gut.

9.Se4 De7 10.Ld2 d5 11.Sg3 c5 12.a3!
Dieser unscheinbare Zug schafft in vielen Varianten dem Läufer einen starken Stützpunkt auf b4.

12…h5 13.f5!?
Ich habe in diesem Turnier eine Reihe guter Züge gemacht, aber diesen halte ich fur einen der besten. Allein der Mut – einen scheinbar überlegenen Spieler anzugreifen – zeigt, dass ich in guter Verfassung war.

13…gxf5
Der Angriff hat meinen Gegner sehr überrascht und bringt ihn aus der Ruhe. Ich habe den Vorteil, dass ich gegen solch starke Spieler nichts zu verlieren habe und locker aufspielen kann.

14.Lxf5 Lh6?
[ Die Idee meines Spiels war: 14…exf5?? 15.Sxf5 Df8 16.Sd6+ Ke7 ( 16…Kd8 17.Sg5! Sh6 18.Sgxf7+ Sxf7 19.Txf7 ) 17.Sxb7 ; Mit folgender Variante konnte Schwarz am ehesten hoffen, meinen Angriff abzuwehren:. 14…cxd4 15.Lb4 Dd8 16.Lh3 Db6 ; Keine Ausrede ist hingegen: 14…h4 15.Lg5 Df8 16.Sxh4 exf5 17.Sgxf5 und Weiß steht klar besser, vor allem wegen der Drohung Sd6+.]

15.Lh3 Lxd2 16.Dxd2 h4 17.Se2 cxd4 18.Sexd4 Sc5 19.Sg5 Se4 20.Sxe4 dxe4 21.Df4 0-0-0
Schwarz hat seinen König noch aus dem Zentrum bekommen. Aber auch am Damenflügel steht er sehr luftig. Weiß steht besser.

22.c3
[ 22.Dxf7? Txd4 23.Lxe6+ Kb8 ]

22…Th7 23.Sf5!
Noch ein starker Angriffszug auf diesem Feld.

23…Dc5+ 24.Kh1 Kb8
[ 24…exf5? 25.Lxf5+ Kb8 26.Lxh7 Dc7 27.Lxe4 ]

25.Tad1!?
Besser ist sofort Sd6.

25…Td3!?
Meine Idee war: [ 25…Txd1 26.Txd1 exf5 27.Td8+ Ka7 28.Txg8 Aber nun kann Schwarz mit seinem Freibauern noch für Unruhe sorgen.]

26.Sd6 Dd5 27.Txd3 exd3
[ 27…Dxd3 28.Sxf7 Se7 29.Sg5 Th8 30.Sxe6 ]

28.Sxb7 Dxb7
[ 28…Kxb7? lässt mir Zeit, den Läufer ins Spiel zu bringen. 29.Lg4 Kc8 30.Lf3 Dd7 31.De4 ]

29.Dd4
Weiß gewinnt einen Bauern und sollte auch die Partie gewinnen können.

29…Se7 30.Dxd3 Sg6 31.Dd6+
[ Nach der Partie fiel meinen Freunden der Zug 31.Lxe6!? auf. Doch – ob er so leicht gewinnt, ist unklar. Schwarz erhält unnötig Gegenspiel. 31…fxe6 32.Dxg6 Tg7 33.Dc2 ( Besser ist wohl: 33.Tf8+ Ka7 34.Dc2 wegen 34…h3?? 35.Df2+ ) 33…h3 ]

31…Dc7 32.Dxa6 Dxe5 33.Db6+ Kc8 34.Td1
Droht Matt auf d8.

34…Th8 35.Dc6+ Kb8
Was mich jetzt geritten hat, ist wohl nur aus der Aufregung der Partie zu verstehen. Natürlich war ich mit einem Remis zufrieden – und das konnte ich nun ganz einfach durch Dauerschach bekommen. Statt dessen wollte ich die Damen tauschen und noch einen Gewinnversuch unternehmen.

36.Dd6+??
Das ist aus 2 Gründen falsch: Nach dem Damentausch bekommt Schwarz gute Gegenchancen dank des zentralen Freibauern. Außerdem gewinnt Weiß mit 36. Lg4 und der unangenehmen Drohung, Lf3 zu spielen. [ 36.Lg4 h3 37.g3 Se7 38.Db6+ Kc8 39.Lf3 ]

36…Dxd6 37.Txd6 Kc7 38.Td2 f5 39.Kg1 Sf4 40.Kf2 Tf8 41.Kf3 e5
Plötzlich fühlt sich Schwarz trotz Minusbauer wieder wohl. Er lehnte im 39. Zug sogar ein (allerdings wirklich unlogisches) Remisgebot ab.

42.b3 Kc6 43.Td1 Sxh3 44.gxh3 Ta8 45.Ta1 Kd5 46.Td1+ Ke6 47.Ta1 Td8 48.Te1
Die Stellung ist mir völlig entglitten. Mit Td8-d2 und einem Angriff von hinten konnte Schwarz nun wohl in Vorteil kommen. Die Partiefolge scheint auch zu gewinnen – führt jedoch zu einem interessanten Remis.

48…Td3+ 49.Te3 e4+ 50.Ke2 Txe3+?
Danach ist das Remis sicher. Der Turm musste auf dem Brett bleiben – auch um den Preis eines vorübergehenden Rückzuges. Bemerkenswert ist übrigens, dass Analysen mit Fritz ab hier konsequent eine zwingende Remisbewertung anzeigen. [ 50…Td6 51.c4 ( 51.a4 bxa4 52.bxa4 Ta6 53.Kf2 Txa4 ; 51.Kf2 Ta6 52.c4 Txa3 53.cxb5 Kd5 54.b6 f4 55.Tc3 Ta6 56.b7 Tb6 ) 51…bxc4 52.bxc4 Ke5 53.Tc3 Kd4 54.Tc1 f4 55.a4 f3+ 56.Kf2 Tb6 57.Tc2 Kd3 und Schwarz gewinnt.]

51.Kxe3 Ke5 52.a4!!
Der Schlüsselzug der Remisvariante sichert mir rechtzeitig einen entfernten Freibauern.

52…f4+
Sieht nur bedrohlich aus.

53.Ke2 bxa4 54.bxa4 Kd5 55.a5! Kc5 56.c4!
mit genauen Bauernzügen wird das Remis gesichert.

56…Kc6 57.Kf2
Eine Remisstellung fur die Endspielbücher! Hingegen hätte 57. c5 Kxc5 die Stellung noch verloren. Die Partie wurde hier Remis gegeben. Mögliche Folgen:

57…Kc7
[ 57…f3 58.Ke3 Kc7 59.Kf2 Kc8 60.Ke3 Kb7 61.c5 Diesen Zug muss Weiß immer im richtigen Moment machen. 61…Kc6 62.a6 Kc7 63.Kf2 Kc6 64.Ke3 ]

58.c5 Kb7
Und beide Seiten ziehen nur die Könige hin und her.

59.Ke2 Kb8 60.Kd2 f3 61.Ke3 Kb7 62.Kf2 Ka6 63.c6 Ka7 64.Ke3 Ka6 65.Kf2
Also ein hart erkämpftes Remis gegen einen Top-Gegner. Das stärkt das eigene Selbstvertrauen! 1/2-1/2