Trainingsmaterial Nr. 67

Inhaltsverzeichnis

Ein lehrreiches Endspiel – Abtausch zum Bauernendspiel
4 x 4 im Quizformat
Schachstrategie in Aktion – schwache Felder vor dem König
Eröffnungsfallen und Kurzpartien – Folge 32
Endspiel intensiv – Folge 17
Tückische Manöver in der Ecke
Nachschlag
Final Fun




Der richtige Abtausch zum Bauernendspiel

Bild Es ist eine alte Weisheit: Mit dem Abtausch der letzten Figuren und dem Übergang ins Bauernendspiel kann sich der Charakter der Stellung und der Ausgang der Partie grundlegend wandeln. Die Entscheidung, ob und wie man ins Bauernendspiel übergeht – man spricht auch von der "Liquidation" – muss also wohl überlegt werden.
Der Autor dieser Zeilen war unlängst an einem besonders drastischen Fall beteiligt – und saß mit Glück auf der richtigen Seite des Brettes. Mein Gegner traf unter Zeit- und Wettkampfdruck mit Weiß in der abgebildeten Stellung den falschen Entschluss, so dass ich die Partie sogar gewinnen konnte.
Die Partie war zudem höchst emotional und wichtig: Es war quasi die letzte Partie der Liga-Saison. Mein Sieg sicherte unserer Mannschaft den Klassenerhalt und verdarb dem Gegner den Aufstieg.

Bild Sehen wir zunächst den tatsächlichen Verlauf der Partie:
Jurkatis – Binder, Berlin 2019 (Partieverlauf)

Eine kleine Vertauschung der Zugfolge hätte im Übergang zum Bauernendspiel einen kleinen Unterschied bedeutet. Dieser kleine Unterschied aber konnte die Partie zu Gunsten von Weiß retten und hätte unsere Mannschaft zum Abstieg verdammt.
Jurkatis – Binder, Berlin 2019 (Variante)

Den berühmten "kleinen Unterschied" macht die Gegenüberstellung der entscheidenden Stellungen sehr schön deutlich. Für die Abbildung danke ich dem Trainerkollegen Achim Raphael.



4 x 4 – Im Quiz-Format

Bitte löst auch diesmal die Aufgaben "vom Blatt" ohne Computerhilfe und möglichst auch ohne Schachbrett.

  1. Um die abgebildete Stellung ranken sich viele Legenden. Im Moment soll nur der schachliche Gehalt interessieren: Weiß kann die Umwandlung des a-Bauern nicht verhindern und gab daher auf. War diese Entscheidug richtig?
    1. Ja, Weiß wird schnell verlieren und sollte daher sofort aufgeben.
    2. Schwarz muss zum Sieg noch einige Hürden meistern. Weiß wird verlieren, kann aber noch etwas weiterspielen.
    3. Weiß rettet sich ins Remis.
    4. Weiß wird die Partie gewinnen.

  2. Schwarz ist am Zuge. Wie wird die Partie ausgehen und wie soll Schwarz jetzt fortsetzen?
    1. Nach 52… Kd4 gewinnt Schwarz den Bauernwettlauf und die Partie.
    2. Beide Seiten ziehen gleichzeitig ein – Remis
    3. Schwarz wird gewinnen, muss aber einen sehr genauen Zug finden.
    4. Der weiße Freibauer ist stärker. Weiß gewinnt.
Bild Bild
Aufgabe 1 Aufgabe 2
  1. Für diese Stellung hat Schwarz eine Figur geopfert und will nun mit dem angedeuteten Turmmanöver die weiße Dame erobern. Schwarz ist am Zug. Wie geht die Partie aus?
    1. Schwarz behält Recht. Er gewinnt mit dem gezeigten Manöver die Dame und die Partie.
    2. Schwarz wird zwar die Dame gewinnen, doch mit Turm und Figur kann sich Weiß erfolgreich verteidigen.
    3. Weiß kommt dem Gegner zuvor und erreicht ein Remis durch Dauerschach.
    4. Der schwarze Plan geht nicht auf. Weiß gewinnt.

  2. Hier ist Weiß am Zuge. Wie geht die Partie bei richtigem Spiel beider Seiten aus?
    1. Weiß muss für den schwarzen Freibauern eine Figur geben und verliert.
    2. Weiß erreicht ein Remis.
    3. Weiß hat einen verblüffenden Weg zum Gewinn.
    4. Weiß erobert den Bauern a3 und der Partieausgang bleibt offen.
Bild Bild
Aufgabe 3 Aufgabe 4
Die Lösungen

Bitte erst in die Lösungen schauen, wenn ihr euch für eine der Antworten A – D entschieden habt.

Zu Aufgabe 1 gibt es einige Anmerkungen. Sie wird üblicherweise mit den Namen der beiden Meisterspieler Jacques Mieses und Ehrhardt Post verbunden und sei 1914 in Mannheim gespielt worden. Vermutlich handelt es sich jedoch um das Aufeinandertreffen zweier namenloser Klubspieler zur gleichen Zeit in Ludwigshafen. Zeitgenössische Analysen scheinen zu beweisen, dass die Stellung für Weiß gewonnen(!) sei. Erst 1950 entdeckten der ungarische Großmeister Szabo und der Südafrikaner Driman unabhängig voneinander die korrekten Abwicklungen zu Remis.
Aufgabe 1: NN – NN, Deutschland 1914 (ursprüngliche Analyse zum Gewinn)
Aufgabe 1: NN – NN, Deutschland 1914 (Widerlegungen zum Remis)

Aufgabe 2: C. Keymer – Zhou, Deutschland 2019
Aufgabe 3: Rosmait – Postler, Berlin 2019
Aufgabe 4: Binder – Nötzel, Berlin 2019




Bild Schachstrategie in Aktion – schwache Felder vor dem König

Auch dieses Beispiel stammt aus einem Mannschaftskampf meines Vereins. Für den Mannschaftserfolg brauchen wir aus der letzten Partie noch ein Remis. Der bisherige Verlauf spricht aber eher für Weiß.

In der abgebildeten Stellung bin ich mit Schwarz am Zug. Meine Gegnerin hat ein paar kleine Vorteile angesammelt. Ihre Dame beherrscht die einzige offene Linie. Sie besitzt das Läuferpaar und wird über kurz oder lang wohl auch meinen isolierten b-Bauern erobern.
Andererseits gibt es vor dem weißen König einen Komplex schwacher schwarzer Felder (rot markiert). Im Moment ist das noch nebensächlich – jedenfalls so lange man dies mit einem schwarzfeldrigen Läufer ausgleichen kann. Wird dieser aber gegen den Springer getauscht, um danach den Bauern b5 zu schlagen, ändert sich die Stellungsbewertung grundlegend.

Sehen wir uns das im Detail an:
Große-Honebrink – Binder, Berlin 2019




Eröffnungsfallen und Kurzpartien – Vom ersten Zug auf Matt

Die Titelzeile zitiert einen gleich mehrfach verwendeten Buchtitel und will Fälle verdeutlichen, in denen aus der Eröffnung heraus ein kompromissloser Mattangriff gesucht wird. Dieses Vorgehen wird natürlich nur dann Erfolg haben, wenn der Gegner sich nicht optimal verteidigt. So muss also der Angreifer immer bedenken, nicht alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Es ist gewiss kein Zufall, dass unsere Beispiele sich nach scharfem Gambitspiel ergaben.
Morphy – Hampton, London 1858
Schlenker – Katholnik, Schwenningen 2017
Bartsch – Jennen




Endspiel intensiv – Der Turm gehört hinter den Freibauern

Die bereits in der Überschrift genannte Regel wird dem deutschen Schachlehrmeister Siegbert Tarrasch (1862 – 1934) zugeschrieben. In der Regel wird sie etwas genauer formuliert: "Der Turm gehört hinter den Freibauern – hinter den eigenen, um ihn zu unterstützen – hinter den gegnerischen, um ihn aufzuhalten."
So einfach diese Regel anmutet, sie ist im Endspiel oft eine wichtige Entscheidungshilfe für die richtige Aufstellung unserer Figuren. Natürlich gibt es – wie bei jeder Regel – auch hier Ausnahmen, davon wollen wir heute aber einmal absehen.

Als Beispiel für die Gewinnführung durch dieses Manöver wird immer wieder eine berühmte Partie aus dem WM-Kampf 1927 zitiert. Sie zeigt uns zudem die häufig auftretende Situation mit einem Mehrbauern als Randbauer, wobei am anderen Flügel ein Kräftegleichgewicht besteht.
Aljechin – Capablanca, Buenos Aires 1927
Nun zur identischen Idee aus Sicht des Verteidigers. Die Bauernstruktur ist fast identisch, aber diesmal bringt die Seite mit dem Minusbauern ihren Turm hinter den gegnerischen Bauern. Im Ergebnis gelingt es, die Partie ausgeglichen zu halten.
Mecking – Kortschnoi, USA 1974

Um den König in die richtige Position zu bekommen, muss und kann man hin und wieder sogar einen Bauern opfern.
Aerni – Sommerhalder, Gibraltar 2011

Ein Wechselspiel gegenseitiger Turmhinterstellung zeigt das folgende Finale.
Porat – Kaufman, Niederlande 2010

Abschließend widmen wir uns einer berühmten endspieltheoretischen Untersuchung. Der Moskauer Wadim Kantorowitsch veröffentlichte die scheinbar einfache Stellung 1989 in der Annahme, dass Schwarz sie remis halten könne. Erst 2003 entdeckte der Schweizer Johannes Steckner eine Gewinnidee für Weiß, die man unbedingt kennen sollte. An der weiteren Analyse beteiligten sich u.a. die beiden größten Endspieltrainer jener Zeit, Karsten Müller aus Hamburg und der inzwischen leider verstorbene Russe Mark Dworetzki.
Analysen von Kantorowitsch u.a.




Ein Endspiel mit Tücken

Bild Aufbauend auf auf einer aktuellen Partie wollen wir uns etwas näher mit der nebenstehenden Endspielstellung beschäftigen. In der abgebildeten Position ist Weiß am Zug. Er schlägt den Eckspringer auf a1. Nun fragen wir uns, ob es egal ist, ob Schwarz seinen König nach c1 oder nach c2 zieht.

Sehen wir zunächst, was beim Königszug nach c1 passiert. So wurde auch (in etwas anderer Konstellation) in der tatsächlichen Partie gespielt.
Kxa1 wird mit Kc1 beantwortet.
In dieser Konstellation rettet sich Weiß also ins Remis.

Führt auch der Zug nach c2 zum Remis? Wer die vorstehende Analyse aufmerksam studiert hat, kennt die Antwort bereits.
Kxa1 wird mit Kc2 beantwortet.
Nach diesem schweren Fehler von Weiß kann Schwarz doch noch gewinnen.

Es bleibt die Frage, ob unsere Ausgangsstellung (siehe Abbildung) bereits remis ist, oder ob Schwarz mit einem anderen Zug als Kxa1 gewinnen kann.
Schwarz schlägt nicht (sofort) auf a1.




Bild Nachschlag

Auch heute gibt es wieder einen Blick auf neue bzw. neu entdeckte Beispiele zu bereits besprochenen Themen.

Kuriose Mattbilder sind uns abseits des Weges allenthalben begegnet. Im vorliegenden Fall hilft der Verlierer kräftig mit, dafür dürfte das Schlussbild einmalig sein.
O. Arndt – Gruber, Kreta 2019

Wir kennen das Motiv des Festungsbaus bereits aus mehreren Lektionen. Besonders wichtig sind Stellungen des hier abgebildeten Typs mit Turm und Bauer gegen die Dame. Der Turm hat im Normalfall zwei sichere Stützpunkte, auf denen er hin und her pendeln kann. Wenn damit der gegnerische König vom Geschehen fern gehalten werden kann, reicht das zum Remis. Es gibt jedoch unglückliche Konstellationen, in denen der Gegner einen Zugzwang herbeiführen kann.
Im Kandidatenturnier 2020 gelang es dem Russen Nepomnjastschi, die Blockade instruktiv zu brechen.
Giri – Nepomnjastschi, Russland 2020




Bild Final Fun

Der schweizerische Meister Hans Fahrni (1874 – 1939) spielte diese Partie um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in einer Kaffeehauspartie gegen einen freundlichen älteren Herrn, dem er die Dame vorgegeben hatte.
Die Stellung ist zwar verloren, doch Fahrni zog spaßeshalber 1.a4-a3!!??, worauf sein Gegenüber nach längerem Nachdenken 1…h4-h5 spielte, und nach 2.a3-a2 h5-h6 3.a2-a1D+ aufgab.
Er murmelte daraufhin: "Merkwürdig! Ich hatte doch ausgerechnet, dass ich einen Zug früher eine Dame bekomme. Bin ich vielleicht mit meinem Bauern in die falsche Richtung marschiert?" Fahrnis liebenswürdige Erwiderung war:
"Nein, auch das hätte nichts geändert." Der Meister präsentierte als Beweis die Variante 1.a4-a3 h4-h3 2.a3-a2 h3-h2 3.a2-a1D+ Kf1-g2 4.Da1-g7+ Kg2-h1 5.Dg7-b2 Kh1-g1 6.Kd3-e3 h2-h1D 7.Db2-f2#.

Der ältere Herr schüttelte den Kopf und meinte: "Also war die Partie so und so verloren. Wie man sich doch täuschen kann!"




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Thomas Binder, 2020