Schach-WM 2021

Magnus Carlsen aus Norwegen hat im Dezember 2021 in Dubai erneut seinen Titel als Schachweltmeister verteidigt. Er gewann gegen den Russen Jan Nepomnjaschtschi1 sehr deutlich. Der auf 14 Partien angesetzte Kampf endete bereits nach 11 Runden, weil Carlsen mit 7½ : 3½ uneinholbar vorn lag.
Bild Carlsen ist damit seit 2013 Weltmeister und wird den Titel für mindestens ein Jahrzehnt halten. Damit ist er eine der prägenden Gestalten der Schach-Geschichte und unbestreitbar der stärkste Schachspieler seiner Zeit. An meinen Vorbehalten gegen seine Persönlichkeit ändert dies nichts – wir kommen zum Schluss des Beitrages darauf zurück.
Schauen wir nun aber auf den Verlauf des WM-Kampfes gegen Jan "Nepo" Nepomnjaschtschi, der in mancherlei Hinsicht bemerkenswert war.

Die Partien 1 bis 5 – 5x Remis

Die ersten fünf Partien des Weltmeisterschaftskampfes endeten remis. Man fühlte sich an frühere Weltmeisterschaften erinnert, bei denen die Remisquote sehr hoch war – kein Wunder, treffen doch zwei der stärksten Spieler der Welt aufeinander.

In Erinnerung bleibt aus dieser Phase vor allem die zweite Partie. Carlsen opferte hier die Qualität, platzierte dafür einen sehr starken Springer auf d6 – die Presse sprach von einer "Monsterkrake" – für den Nepomnjaschtschi bald die Qualität zurück geben musste (siehe Abbildung rechts).

Partie 6 – Eine Partie für die Geschichtsbücher

Die sechste Partie dieser Weltmeisterschaft geht in die Geschichtsbücher ein. Sie ist mit 136 Zügen die längste Partie in der Geschichte von Weltmeisterschaften. Dabei nahm sie mehrere ereignisreiche Wendungen und stellte mit dem Sieg Carlsens letztlich die Weichen für den weiteren Verlauf der WM.

Die Zeitnotphase

In der Zeitnotphase ließen beide Spieler gute Gelegenheiten aus. Die Zuschauer in aller Welt waren natürlich mit unbegrenzter Computerpower "bewaffnet" und konnten sofort alle taktischen Feinheiten erkennen, die den Spielern vor Ort verborgen blieben. Schauen wir kurz, was in dieser Partiephase geschah, und was hätte geschehen können.
Die Partie ist so vielfältig und interessant, dass wir die Züge zuvor ausblenden, in denen Carlsen immerhin bereits seine Dame gegen beide Türme des Gegners getauscht hat.

Carlsen verpasst einen starken Königsangriff

Im 32. Zug ergab sich für Magnus Carlsen kurz die Gelegenheit, sofort auf Mattangriff umzuschalten.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 6. Partie – Episode 1

Etwas später, genau mit dem 40. Zug, verpasste Magnus Carlsen erneut eine Chance, in Vorteil zu kommen. Hier hätte er bereits eine Zugzwangstellung herbeiführen können, die ihm das bessere Endspiel versprach.

Nepo verliert den wichtigen Freibauern auf a3

Bild Die Chancen des Herausforderers in dieser Phase basieren vor allem auf seinem Freibauern, um den sich Weiß immer kümmern muss. Mit dem nächsten Zug gibt Nepomnjaschtschi diesen Bauern preis. Manche Kommentatoren haben den Zug als entscheidenden Fehler des ganzen WM-Matches bezeichnet. Das geht eindeutig zu weit, wie wir noch sehen werden.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 6. Partie – Episode 2

Die Überleitung in die finale Materialkonstellation

Es folgte eine lange Phase ohne große Veränderungen. Wie vorhergesagt, war es nur Carlsen, der Gewinnversuche unternehmen konnte. Er eroberte dabei auch den Bauern f5. Schließlich entschloss er sich zu einem Qualitätsopfer für einen weiteren Bauern und stellte damit die Materialkonstellation her, welche weitere gut 50 Züge diese Partie bestimmen sollte. Die Abwicklung selbst ist eher unspektakulär.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 6. Partie – Episode 3

Die achte Stunde

Bild Es sind mittlerweile sieben Stunden gespielt und Carlsen hat keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Aber er ist ein Meister darin, eine Stellung so lange zu "kneten", wie ein Fünkchen Hoffnung auf den Sieg besteht. Das tat er auch in dieser sechsten WM-Partie meisterlich. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass Carlsen alle Feinheiten überblickt hat, insbesondere das was nun im 130. Zug geschehen wird.
Der Gegner ist jedenfalls von dem stundenlangen Kampf ermüdet und wird einen unmerklichen Fehler machen, nach dem der Weltmeister Recht behält.

Der ominöse 130. Zug

Mit Computerhilfe ist das alles ganz einfach: Der Rechner legt gnadenlos offen, dass Nepo mit dem 130. Zug seine Chancen vergibt, die Partie ausgeglichen zu halten. Aber eine klar verständliche Erklärung, warum das so ist, sind auch die hochkarätigsten Kommentatoren bislang schuldig geblieben. So maße ich mir gar keinen Versuch an, der Zielgruppe dieses Materials zu erklären, warum an dieser Stelle die Bewertung entscheidend umkippt.
Worum geht es? Die Hoffnung von Schwarz beruht natürlich darauf, mit Damenzügen durch Schachgebote oder andere Angriffe das Zusammenspiel der weißen Figuren so entscheidend zu stören, dass ein Vorrücken der Bauern verhindert wird. Ein wichtiger Plan für Weiß bei der Verhinderung dieses Gegenspiels ist es, den Springer nach h5 zu bringen, womit der König gegen Schachgebote abgeschirmt wird, der Springer selbst durchaus aktiv mitspielt.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 6. Partie – Episode 4

Der Schlussakkord

Ausgehend von der vorherigen Episode sehen wir nun noch die letzten Züge dieser dramatischen Partie. Magnus Carlsen ist jetzt auf der Siegerstraße und lässt sich nicht mehr davon abbringen.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 6. Partie – Episode 5

Mit dieser Partie ging Carlsen also im WM-Kampf in Führung. Man erwartete nun einen spannenden weiteren Verlauf, bei dem Nepomnjaschtschi seine Chancen auf den Ausgleich bekommen würde und einen knappen Ausgang über die geplante Distanz von 14 Partien. Doch es sollte anders kommen.

Die berühmte sechste Partie war erst nach Mitternacht zu Ende. So folgte genau genommen noch am selben Tag die siebente Partie, in der sich beide Spieler schnell auf Remis einigten. Was dann folgte geht genauso in die Geschichtsbücher ein, wie das Highlight der Partie Nummer 6 – wenn auch auf weniger ruhmvolle Weise.

Nepomnjaschtschi bricht völlig ein

Aus den folgenden vier Partien holte Jan Nepomnjaschtschi nur noch einen halben Punkt (Remis in Partie 10). So war die WM bereits nach 11 Partien entschieden, weil Magnus Carlsen uneinholbar vorn lag. Der Einbruch des Russen ist ein in der Geschichte von Weltmeisterschaften einmaliges Ereignis und kann natürlich nicht mit mangelnder schachlicher Spielstärke erklärt werden. Unser Spiel hat eben auch eine ganz wichtige psychologische Komponente.

In allen drei weiteren Verlustpartien unterliefen dem Herausforderer elementare Fehler, die auf Großmeisterniveau – und eigentlich schon weit darunter – eine absolute Seltenheit darstellen. Schauen wir also kurz auf die entscheidenden Momente der Partien 8, 9 und 11.

Bild Partie 8 – Nepo verrechnet sich und verliert einen wichtigen Bauern

Verglichen mit dem, was später noch passierte, mutet Nepomnjaschtschis Versehen in der achten Partie fast noch harmlos an. Aber natürlich genügt der unnötige Verlust eines Bauern gegen Magnus Carlsen auch zum Partieverlust.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 8. Partie

Partie 9 – Nepo lässt sich einen Läufer einfangen

Noch gravierender ist das Übersehen, welches dem Herausforderer eine Runde später passierte. Es ist besonders tragisch, da diesmal Jan Nepomnjaschtschi sogar vorteilhaft stand, nachdem Carlsen nicht ganz optimal gespielt hatte. Doch erneut entscheidet ein drastischer Fehler die Partie zugunsten des Weltmeisters. Die Abbildung rechts zeigt das Problem: Der weiße Läufer ist gefangen.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 9. Partie

Partie 11 – Nepo spielt Harakiri

Über die entscheidende Phase der letzten Partie gibt es verschiedene Deutungen. Erneut unterläuft dem russischen Großmeister ein unerklärlicher Fehler. Schwer zu glauben, dass er die Folgen nicht überblickt hat. So äußern einige Kommentatoren sogar den Verdacht, er sei des Wettkampfes überdrüssig gewesen und wollte es einfach nur schnell hinter sich bringen.
Carlsen – Nepomnjaschtschi, Dubai 2021 – 11. Partie

Carlsen bleibt Weltmeister – wie weiter?

Magnus Carlsen hat auch seinen fünften WM-Kampf gewonnen. Nachdem er 2013 den Inder Anand deutlich besiegte und im Jahr darauf dessen Revanche parierte gewann Carlsen auch gegen die Herausforderer Karjakin (Russland, ursprünglich Ukraine) und Caruana (USA, ursprünglich Italien) sowie nun gegen Jan Nepomnjaschtschi. Sein nächster Herausforderer soll 2022 im Kandidatenturnier unter acht Weltklasse-Spielern ermittelt, der WM-Wettkampf dann Ende 2022 oder erst 2023 ausgetragen werden.

Indes hat Magnus Carlsen nach seinem Sieg in Dubai die irritierende Bemerkung verlauten lassen, dass er nur dann zu einem weiteren WM-Match antreten werde, wenn der Herausforderer Alireza Firouzja sein würde. Der junge Iraner, der inzwischen für Frankreich spielt, gilt in der Tat als aktuelle "Nummer 2" der Welt und ist gegenwärtig der einzige Spieler, dem man zutraut, dass er Carlsen bezwingen und als Weltmeister ablösen könnte. Offenbar ist der Norweger aber so von sich überzeugt, dass er andere Top-Großmeister nicht als ebenbürtige Konkurrenten ansieht und gar nicht für würdig erachtet, auch nur gegen ihn anzutreten. Statt sich mit einem (vermutlich) unterlegenen Gegner zu messen, will Carlsen lieber den WM-Titel kampflos abgeben.

Diese Haltung des Weltmeisters ruft zu Recht Unverständnis in der Öffentlichkeit hervor. Sie ist eine beispiellose Respektlosigkeit gegenüber anderen Weltklassespielern bzw. demjenigen, der sich sportlich im Kandidatenturnier durchsetzen wird. Wieder einmal erweist der Weltmeister dem öffentlichen Ansehen des königlichen Spiels einen Bärendienst – und wieder einmal bestätigen sich meine persönlichen Vorbehalte gegen Carlsen. Seine schachliche Sonderklasse steht außer jedem Zweifel – im "richtigen Leben" hat er noch einigen Nachholebedarf…


1 Bei der Schreibweise des Namens des WM-Herausforderers aus Russland orientieren wir uns hier an der deutschsprachigen Wikipedia.




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Thomas Binder, 2022